Verleihung des Julius-Campe-Preises 2015 an Denis Scheck

Am 16. Oktober 2015 verlieh der Hoffmann und Campe Verlag den jährlich vergebenen Julius-Campe-Preis an Denis Scheck. Die Auszeichnung gilt Persönlichkeiten, die sich auf herausragende Weise literaturkritische und literaturvermittelnde Verdienste erworben haben. Die Laudatio hielt Bettina Böttinger.

Der Preis ist mit 99 Flaschen edlen Weins und des bei HOFFMANN UND CAMPE erschienenen Faksimiles der Französischen Zustände Heinrich Heines dotiert.
Im Franfurter Haus des Buches werden die geladenen Gäste erwartet.
Daniel Kampa, Verleger des Hoffmann und Campe Verlags, begrüßt insbesondere Denis Scheck, Bettina Böttinger und die Familie Ganske.

Laudation Bettina Böttingers auf Denis Scheck

Ich spreche heute über einen Mann, der ein wenig seltsam ist, um nicht zu sagen verhaltensauffällig. Er steigt beispielsweise  vollständig bekleidet im Anzug zu Arthus Bollasion ins isländische Gewässer  und spricht mit diesem pitschnass, aber in aller Seelenruhe und höchst vergnügt über dessen neues Buch. Feuchtgebiete scheinen ihn ohnehin anzuziehen. So schwitzte er auch mit Kristof Magnusson in einem isländischen Hotpot. Das mag ohne Fernsehen ein Vergnügen sein, aber nicht unbedingt mit Kamera, Aufnahmeleitung und Licht. Denn das alles braucht Zeit, und Kristof Magnusson musste so lange im heißen Nass hocken, bis alles drehfertig war, dass sein Kopf nach eigener Aussage bereits die Farbe eines servierfertigen Hummers angenommen hatte.  Den Interviewer Denis Scheck rührte das keineswegs. Mitten im Heißwasserdusel führte  dieser sein Gespräch vor der Kamera intensiv weiter, wie üblich im Anzug, versteht sich, und der war ja eh hin. Er fordert einiges von seinen Interviewpartnern. Und von sich selber!
Wenn es dem Gespräch hilfreich ist, schwingt er sogar sich auf ein Pferd. Neben Harry Rowohlt. Er ruderte schon mit Martin Walser über den Bodensee und warf sich in einen Imkeranzug, der ihn wirklich nicht sehr vorteilhaft kleidete, um mit Laline Paull über ihr Bienenbuch zu sprechen. Dass man bei soviel Körpereinsatz auch baden gehen kann, musste er beim Interviewversuch mit Frank Schätzing erleben.  Er verlor das Gleichgewicht und ging über Bord.  Kein Job für schwache Nerven, so wie er ihn versteht: Literaturkritiker.

Literaturkritiker – ohnehin ein seltsamer Beruf in unserem Zeitalter, in dem ein Daumen hoch reichen soll, um Empfehlungen auszusprechen. Welche Art von Kritik braucht  der Mensch heutzutage überhaupt noch, wo beispielsweise Amazon ihm Morgen für Morgen die angeblich gerade für ihn dringend nötigen Anschaffungen für Kopf- und Körperheil empfiehlt. Bücher wie Wäsche, Musik wie Rasenmäher, Filme wie Mundduschen, Fernsehserien wie Kochtöpfe – der große Bruder weiß, was gut für mich ist. Und mit der Apple-Uhr am Handgelenk wird mir noch rechtzeitig gemeldet, wann ich mich auszuruhen und wie lange ich die Zähne zu putzen habe. Und wie viel Zeit ich am Abend noch zum Lesen habe. Und dann wird fein registriert, was und in welchem Tempo ich lese.

Wozu also überhaupt noch Literaturkritik? Ist  Denis Scheck ein Auslaufmodell,  dieser Streiter für das Gute,  Wahre und Schöne? Eine rückwärtsgewandte Figur aus längst vergangenen Zeiten?
 
Drehen wir seine Zeit ein wenig zurück. Die Eltern zogen von Stuttgart auf`s Land. Was für andere Kinder ein Paradies hätte sein können, ein Leben mit Pferden und Rehen und Baumhäusern und Abenteuer, war für diesen Jungen eine Zumutung. Er las, wie er sagt, aus lauter Langeweile. Seine Helden waren Ray Bradbury und Stanislaw Lem. Letzteren interviewt er nach einer Lesung in einer Stuttgarter Buchhandlung. Da ist er gerade mal 13 Jahre alt. Und hat neben den „Stuttgarter Science Fiction Freunden“  eine literarische Agentur gegründet, die sich auf Science Fiction spezialisiert. Er verkauft Lizenzen, Titelbilder, Geschichten. Seine Eltern bürgen für ihn und beweisen Nervenstärke, wenn die Telefonrechnung wieder 2000 Mark übersteigt. Was mögen sie über diesen Sohn gedacht haben? Hochbegabt, der Filius, aber auch ein bisschen irre!?

Es gelingt ihm, eine Anthologie australischer Science-Fiction-Stories an den Verlag Volk und Welt zu verkaufen- da ist er immerhin 14 Jahre alt. Die Volksbank fragt die Eltern, ob sie denn wissen, dass der Sohn Geschäfte mit der DDR macht...

Keine Ahnung, was seine Lehrer über ihn, diesen seltsamen Schüler gedacht haben, der meint, Literatur sei damals sein Fluchtpunkt gewesen. Weltfremd war er jedenfalls nicht, als er am 22. Oktober 1983 (er ist 18 Jahre alt)  die „Aktion heiter Sterben“  organisiert.  Nach eigener Aussage „um die gedankenlos Parolen nachblökende Masse der Pershing_Protestler auf andere Gedanken zu bringen.“ Das Motto: „Essen für den Frieden“.
Scheck verteilte Croissants und Champagner, als sich die Menschenkette an seinem Gymnasium bilden wollte. Nach eigener Aussage bekam er eine Ahnung davon, welche Macht Essen hat.“

Mit Mitte 20 hatte er bereits 25 Bücher und unzählige Magazinartikel ins Deutsche übersetzt.    
Denis Scheck beweist schon damals, dass er alles andere als ein Bücherwurm ist, der sich in der Literatur verkriecht. Er packt mit Büchern Leben an. Seit  1997 Redakteur beim DLF, seit 2003 moderiert er Druckfrisch. Ein Glücksfall für das Fernsehen, das Publikum, und für ihn. Denn er  ist ein Meister der Unterhaltung und nutzt seinen ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung, in dem er neue Formen  des Literaturgespräches sucht. S.o.

Dass Druckfrisch für mich eine wunderbar spannende und immer wieder überraschende  Literatursendung ist, liegt auch  an diesen wahrlich unterhaltsamen Einlagen. An dieser Stelle möchte ich unbedingt auch den Regisseur Andreas Ammer nennen. Ein congeniales Duo! Aus Denis Scheck spricht immer, selbst wenn er Bestseller in die Tonne drückt, die Liebe zur Literatur. Ja, es mag sich zuweilen anhören, als ob er gerne verreißt, aber selbst wenn er Bücher schwungvoll in die Tonne pfeffert, ahnt man, welche Qualen er beim Lesen durchlitten hat.
Einige Beurteilungen  möchte ich einfach zitieren, weil sie so schön sind:

Einen weltberühmten Autor nennt er den „Urvater aller esoterischen Schwachsinnsschwurbler“, den Bestseller einer Autorin mit Millionenauflage bezeichnet er als „dumpfe deutsche Unterhaltung, das literarische Äquivalent zu einem Schweineschnitzel mit Mehlpampe.“ Und wenn ein Buch nicht einmal eine originelle Formulierung  wert ist, dann muss die Frage reichen: “Liest du noch oder kotzt du schon?“
Das mag in diesem Fall grob klingen, aber eines hat er noch nie getan: Über Literatur gebrüllt. Dieser Mann ist selbst, wenn er sich aufregt, ein Meister der Form.

Denis Scheck schreibt auch selbst Bücher. Über das unterschiedliche Essverhalten von Männern und Frauen beispielsweise. Und –gerade erschienen- über den richtigen Zeitpunkt im Leben. Wofür? Mit seiner Co-Autorin und ältesten Freundin Eva Gritzmann hat er sich den Kopf zerbrochen, wann es Zeit sein kann, dem Leben eine ganz neue Richtung zu geben. Nein , kein Ratgeber! Dieses Buch holt weit aus, geht zurück in die Antike und bezieht sich auf  Solon, den antiken Staatsmann und Denker, der im 6.Jh vor Christus starb, nicht ohne uns Grundlegendes zum menschlichen Sein zu hinterlassen. Reflexionen über die Reife, die ein Mensch erlangen kann. Im Grunde ist es vor allem ein Buch gegen den Jugendwahn unserer Zeit und gegen Selbstgefälligkeit. Solon spricht von der physischen und der intellektuellen Reife. Worum es Denis Scheck geht:  Um den individuellen Urknall, darum, sein Leben irgendwann neu zu denken. Interessant, dass viele im Buch aufgeführte Beispiele sich wieder mal um Essen und Trinken drehen, von Ingo Holland über Martina Meuth bis hin zu Jürgen Dollase, der sich vom Junk-Food- Konsumenten zum Gastrokritiker der Extraklasse wandelte.

Dieser Urknall bringt uns dorthin, wo Scheck uns haben will. Literatur soll uns begeistern, erschüttern,  uns neue Einsichten liefern, andere Perspektiven, ja Lebensmöglichkeiten.

Aber wie finde ich, die willige, neugierige Leserin das Buch, das mich interessieren könnte?

Durch Daumen hoch? Ich vertraue der Schwarmintelligenz nicht. Ich brauche die Rezension, das Gespräch, Orientierung durch Kompetenz. Sonst würde ich gleich aufgeben bei 90000 Neuerscheinungen pro Jahr, und vor der Buchmesse flüchten.    

Meine Mündigkeit ist nicht gefährdet, wenn er betont: „Vertrauen Sie mir. Ich weiß, was ich tue.“ Dieser Mann scheint immer und überall zu lesen.  Ein Bücherwurm, eine Leseratte? Gelten diese Begriffe nicht für Menschen, die sich vor dem Leben in Büchern verstecken  und einem seltsam blass vorkommen müssen? Möglicherweise ist es seinem Hund Stubbs zu verdanken, dass Denis Scheck immer eine frische Gesichtsfarbe hat. Von wegen Stubenhocker, der  Hund muss raus und er mit.
 
Dieser Mann liebt das Leben, und seine Neugier wird niemals enden. Seine Freundlichkeit ist sprichwörtlich, seine Qualitätskriterien sind es auch: Geschmacksache ist es, ob sie Erdbeer- oder Schokoladeneise vorziehen. Aber Literatur ist Kunst, Literatur erhebt Anspruch und eröffnet die Möglichkeit, die Begrenzungen des eigenen Lebens aufzuheben. Literatur, so Scheck, kann mich in eine Richtung schauen lassen, in die ich von mir aus so nie geschaut hätte, Literatur erweitert meine Sicht auf das Leben.
 
Dafür kämpft er, dieser Streiter für das Schöne, Wahre, Gute. Immer, wenn ich Denis Scheck höre, ob im Radio oder im Fernsehen, teilt sich mir diese Begeisterung mit.

Er hat in diesem Jahr schon den „Champagner Preis für Lebensfreude“ erhalten,  für den  Julius Campe-Preis erhält er  99 Flaschen edlen Rotweins.   
Ein Prosit  auf die Lebensfreude und die Erkenntnis, dass zur Freude am Leben existentiell Literatur gehört. Wie sagte er in einem Interview: Wenn Sie merken, dass Ihr Lebenspartner nicht liest, schießen Sie ihn in den Wind.

Er hat etwas geschafft, wovon er nicht zu träumen gewagt hätte. Spuren in der Weltliteratur hinterlassen. Dazu muss man wissen, dass er die Comics von Carl Barks in einem Atemzug mit Homer und  Shakespeare nennt und sie zu seiner Lieblings-Lektüre zählt. Irgendwann nahm er, mal wieder, einen Donald Duck-Band in die Hand. Erika Fuchs, die legendäre Übersetzerin,  war von Scheck interviewt worden und hatte ihn regelmäßig im DLF gehört. Sie war offensichtlich beeindruckt. Und im Comic legte sie  Donald Duck, der gerade in die Spielwarenhandlung „Scheck“ geht, den Satz auf die Lippen: „Mal sehen, was der gute Scheck so alles auf Lager hat!“  Sein Kommentar dazu: „Das ist die größte Unsterblichkeit, die ich mir wünschen konnte.“
Tatsache: Dieser Mann ist hochbegabt, und glücklicherweise irgendwie irre.

Denis Scheck dankt auf seine Weise - mit einer Rede über den Undank.

Ausschnitt aus der Dankesrede von Denis Scheck:


Hochmögende Preisstifter, verehrte Festgemeinde, meine Damen und Herren,
vielen Dank, liebe Bettina Böttinger für die vielen guten Worte: allein schon der Versuch, der Mensch zu werden, den Sie beschrieben haben, dürfte die Ressourcen meines ethischen Strebens überanspruchen!

Sie erwarten eine Dankesrede. Ich aber möchte heute morgen über den Undank sprechen, über den Undank im Leben und den Undank in der Literatur.
„Zahl dei Sach, dann brauch'sch dich ned bedanke!“ lautet eine profunde und insbesondere im literarischen Leben zu wenig Anwendung findende Erkenntnis des Schwäbischen, die mir mein Dialekt prompt souffliert. Doch obwohl ich der Überzeugung bin, daß die deutsche Gegenwartsliteratur viel zu wenig Gebrauch macht von unseren deutschen Dialekten, das pilzartige Flechtwerk unserer deutschen Sprachen ignoriert zugunsten eines salz- und wurzellosen, monoglotiehaften One-Size-fits-all-Deutsch vergleichbar dem Einheitsmampf in Fast-Food-Ketten und so den in den Dialekten steckenden Hort der Hochkomik ungehoben läßt, in diesem einen Punkt widerspricht sowohl meine Lese- wie meine Lebenserfahrung meinem Dialekt. Auch wenn die vom antiken Dichter und Staatsmann Solon von Athen propagierte seisachtheia, der Schuldenerlaß, neuerdings haircut genannt, in der politischen Diskussion unserer Tage plötzlich wieder Konjunktur hat: Manche Schulden lassen sich niemals abtragen oder zurückzahlen, sosehr es mitunter Literaturkritiker danach drängen mag, in einer besonders schönen Wendung unserer Muttersprache jemandem etwas heimzuzahlen. Ich werde mich in dieser Dankrede über die Undankbarkeit bemühen, beides zu tun: heim- und abzahlen.

Das berührt die uralte, ewig junge Frage nach den Maßstäben des Urteils eines Literaturkritikers. „Nicht den Werkstätten der Parteien will ich ihren banalen Maßstab entborgen, um Menschen und Dinge damit zu messen“, schreibt Heinrich Heine im Sechsten Artikel der „Französischen Zustände“ am 19. April 1832, „noch viel weniger will ich Wert und Größe derselben nach träumenden Privatgefühlen bestimmen, sondern ich will soviel als möglich parteilos das Verständnis der Gegenwart befördern und den Schlüssel der lärmenden Tagesrätsel zunächst in der Vergangenheit suchen. Die Salons lügen, die Gräber sind wahr. Aber ach! Die Toten, die kalten Sprecher der Geschichte, reden vergebens zur tobenden Menge, die nur die Sprache der Leidenschaft versteht.“

Die Salons lügen, die Gräber sind wahr – das ist keine schlechte Devise auch zur Kontrolle der Kontrolleure der öffentlichen Meinung.

Als ein Büchermensch von Herzen liest Denis Scheck Bücher nicht nur – er lebt mit ihnen und er lebt für sie: Er gibt sie heraus und er übersetzt sie, vor allem aber rezensiert er sie in den verschiedenen Medien: in Zeitungen und Zeitschriften, im Radio und im Fernsehen. Er ist einer der vielseitigsten Literaturkritiker Deutschland und durch seine ARD-Sendung „Druckfrisch“ auch einer der bekanntesten und einflussreichsten Mit dem Julius-Campe-Preis 2015 ehrt der Hoffmann und Campe Verlag Denis Scheck und würdigt seine Verdienste um die Literatur.


Fotos © Heike Bogenberger und Ute Nöth