Originalbriefe und Fotos zu »Fieber am Morgen«

Ist es nicht unwahrscheinlich, dass jemand, der die Schrecken des Vernichtungslagers überlebt hat, 117 Briefe an unbekannte Frauen schreibt, um so eine Frau fürs Leben zu finden, obwohl er weiß, dass er todkrank ist? Und dass ihm eine antwortet, die tatsächliche die Richtige ist? Ist es nicht unglaublich, dass diese Geschichte noch dazu wahr ist? Jahrzehnte später überreichte Péter Gárdos Mutter ihrem Sohn einen Stapel mit über 200 Briefen und erzählte ihm, wie sie und sein Vater sich kennengelernt und ineinander verliebt haben: über eben jene Briefe.

Jene Originalbriefe sowie private Fotos und Dokumente von Péter Gárdos  haben wir hier für Sie zusammengestellt, außerdem ein Interview mit dem 1948 in Budapest geborenen und vielfach ausgezeichneten Film- und Theaterregisseur. Fieber am Morgen ist sein erster Roman, der weltweit in neunundzwanzig Ländern erscheint. 

Interview mit Péter Gárdos


In »Fieber am Morgen« erzählen Sie die außergewöhnliche Liebesgeschichte Ihrer Eltern. Wann haben Sie von dieser Geschichte erfahren? Und wann kam Ihnen die Idee, einen Roman daraus zu machen?

Die besondere Geschichte, wie sich meine Eltern kennengelernt hatten, gehörte zum Anekdotenschatz meiner Familie. Wir sprachen, ja scherzten sogar hin und wieder darüber, dass sie sich als Holocaust-Überlebende ausgerechnet in Schweden begegnet waren. Dass sie ihre gesamte Korrespondenz, den schriftlichen Beweis ihrer Liebe, vollständig aufbewahrt hatten, erfuhr ich jedoch erst nach dem Tod meines Vaters. Im August 1998, als wir seinen Nachlass sichteten, drückte mir meine Mutter zwei Bündel Briefe in die Hand, die mit bunten Bändern umwickelt waren. Es stellte sich heraus, dass sie die Briefe über fünfzig Jahre aufbewahrt hatten und nicht nur wir Kinder nichts davon gewusst, sondern auch sie während dieser ganzen Zeit nie auch nur einen Blick in die Briefe geworfen hatten! Damals, vor siebzehn Jahren, habe ich sie in einer Nacht durchgelesen. Es war ein erschütterndes, tränenreiches Erlebnis. Ich wusste sofort, dass es meine Pflicht war, ihre alles andere als alltägliche Geschichte in irgendeiner Form zu verewigen. Dass ich es dann jahrelang nicht geschafft habe, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen, steht auf einem anderen Blatt …
 
Sie sind Filmregisseur, »Fieber am Morgen« ist Ihr erster Roman. Hatten Sie von Anfang an vor, auch einen Film daraus zu machen?
Der Roman und der Film sind parallel entstanden. Zuerst habe ich die ersten drei Versionen des Drehbuchs geschrieben, dann die erste Version des Romans. Das war wirklich eine sehr mühevolle Arbeit. Durch die Ironie des Schicksals ist schließlich der Roman eher erschienen (nach dem vierten Anlauf). Aber der Film ist nun auch endlich fertig, er hat in Ungarn „Aber der Film ist nun auch endlich fertig, er hat in Ungarn im Dezember 2015 Premiere. Das Drehbuch habe ich übrigens siebzehn Mal umgeschrieben.
 
Sie nennen Ihr Buch einen Roman, aber zum Beispiel heißt Miklós Gárdos, Ihr Vater und die Hauptfigur, im Text immer »mein Vater«. Ich habe mich gefragt, wo im Text die Grenze zwischen Realität und Fiktion verläuft. Haben Sie auch Orte und Figuren erfunden oder sich streng an die Geschichte Ihrer Eltern gehalten?
Was das Wesentliche angeht, habe ich mich bei der Geschichte an die wahren Begebenheiten gehalten. Natürlich habe ich die dramaturgischen Schwerpunkte etwas überspitzt und einige Figuren frei erfunden. Nachdem ich die Briefe gelesen hatte, habe ich meine Mutter ständig mit Fragen gelöchert. Und sie hat sich an vieles, auch an Kleinigkeiten, erstaunlich genau erinnert. Aber meinen Vater konnte ich ja nicht mehr fragen. Also habe ich versucht, mir anhand diverser Andeutungen, die ich in den Briefen meines Vaters gefunden habe, ein Bild vom Alltag in den schwedischen Kranken- und Erholungslagern, den dort entstandenen zwischenmenschlichen Beziehungen und vor allem von den Ängsten und inneren Kämpfen meines Vaters zu machen. Zum Glück hatte mein Vater, der ein leidenschaftlicher Sammler war, nicht nur die Briefe, sondern auch sonst alles aufbewahrt, was ihm wichtig erschien: seine Gewichtsmarken von damals (die Waage im Krankenlager gab jedes Mal, wenn man sich wog, einen kleinen Zettel aus, auf dem das aktuelle Gewicht stand), die ärztlichen Diagnosen und sogar die auf den ersten Blick bedeutungslosen Rechnungen der Konditorei in dem kleinen schwedischen Ort. Anhand dieser Erinnerungsstücke konnte ich viele Ereignisse rekonstruieren. Danach haben sich diese Bruchstücke der Wirklichkeit in meiner Phantasie zu einer auch in dramaturgischer Hinsicht konsequenten Geschichte ergänzt.

Wie fand es Ihre Mutter, dass aus ihrer Liebesgeschichte ein Roman geworden ist? Und was, glauben Sie, hätte Ihr Vater davon gehalten?
Meine Mutter hat sich anfangs sehr über mein Unterfangen gefreut. Nachdem sie dann den Roman gelesen hatte, gab es aber manches, worüber sie nicht ganz so glücklich war. Aber ich konnte sie schließlich überzeugen …
Wie mein Vater den Roman wohl aufgenommen hätte? Das weiß ich nicht, ich kann nur hoffen, dass er mir zumindest darin zugestimmt hätte, dass die Welt von ihrer Geschichte erfahren musste. Auf jeden Fall machte es mich nachdenklich, dass er die Geschichte nicht selbst geschrieben hat, obwohl er über das nötige Handwerkszeug verfügte: Er war Journalist und hatte ursprünglich Schriftsteller werden wollen.
 
Ihre Eltern haben Bergen-Belsen überlebt, sie haben das absolute Grauen erfahren. Aber sie haben eben auch eine wundervolle Liebesgeschichte erlebt. Im Roman erwähnen Sie die Erfahrungen Ihrer Eltern aus dem Konzentrationslager nur ganz am Rande. Warum haben Sie entschieden, die Grausamkeiten, denen Ihre Eltern ausgesetzt waren, nur so knapp zu erwähnen?
Ich habe sehr früh beschlossen, keinen weiteren Holocaust-Roman zu schreiben. Beim Lesen der Briefe hörte ich förmlich den Aufschrei meiner Eltern: Wir wollen leben und lieben! Wir wollen vergessen, was uns widerfahren ist! Ich hatte das Gefühl, dem Geist dieser Korrespondenz am besten gerecht zu werden, wenn ich diesem glühenden, über allem stehenden Lebenswillen, diesem Entschluss, weiterzuleben, ein Denkmal errichte. Außerdem gibt es meines Wissens noch kein literarisches Werk, in dem es vor allem um genau diese Lebensphase der Überlebenden, um die ersten Monate nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern geht.
 
Von den Briefen und Erzählungen Ihrer Eltern abgesehen – wie haben Sie für den Roman recherchiert? Sind Sie nach Schweden gereist, in Archive gegangen? Oder sind Sie sogar Menschen begegnet, die Ihre Eltern aus Schweden kannten?
Ich habe nach schwedischen Dokumenten aus der Zeit gesucht und vieles gefunden: Fotos, Nachrichtensendungen, Dokumentarfilme aus dieser Epoche. Am meisten hat mich ein fünfzehnminütiger Film erschüttert, der 1945 von schwedischen Filmemachern aufgenommen wurde, als der erste Krankentransport aus Lübeck ankam. Diese Gesichter! Dieses Zelt zur medizinischen Versorgung, wo die Menschen desinfiziert wurden! Aber den entscheidenden Impuls, Fieber am Morgen schreiben zu können, gab mir ein Gespräch. Ich
hatte mich immer wieder an dem Roman versucht – aber ich bekam es einfach nicht hin und gab immer wieder auf. Und da traf ich durch Zufall eine Überlebende. Eine ältere Frau, die ebenfalls in Bergen-Belsen gewesen war und, genau wie meine Mutter, nach der Befreiung in ein Krankenhaus in Mittelschweden gebracht worden war. Sie hat mir einige Geschichten aus dieser Zeit ihres Lebens erzählt, und nach diesem Gespräch fühlte ich mich seltsamerweise ganz befreit. Endlich konnte ich meine Blockaden überwinden. Bereits am Tag nach dieser Begegnung habe ich das erste Kapitel geschrieben, das im Wesentlichen nun genauso im Buch zu lesen ist.
 
Mir haben auch Ihre Nebenfiguren mit all ihren Eigenheiten sehr gefallen, ganz besonders Rabbi Kronheim, der Rabbiner, der ständig salzige Heringe isst. Hat er ein historisches Vorbild, oder wie sind Sie auf ihn gekommen?
Kronheim ist eine erfundene Figur. Allerdings gab es einen Rabbiner, der damals in Schweden von einem Krankenhaus zum nächsten reiste, im ganzen Land alle Orte besuchte, in denen Holocaust-Überlebende gepflegt wurden, um ihnen Trost und Zuversicht zu spenden. Aber seinen Charakter und die äußere Erscheinung habe ich erfunden. Von ihm hatte ich bereits zu Beginn der Arbeit an dem Roman ein ziemlich genaues Bild.

Der erste Brief von Péter Gárdos’ Mutter Ágnes (im Roman Lili) an ihren späteren Ehemann Miklós.
Der erste Brief von Péter Gárdos’ Mutter Ágnes (im Roman Lili) an ihren späteren Ehemann Miklós.
Miklós’ Antwortbrief an seine spätere Ehefrau Ágnes
Miklós Gárdos’ Gewichtsmarke vom 1. Januar 1946: Er wiegt 56,5 Kilo.
Die erste Begegnung von Péter Gárdos’ Eltern 1945.
Die Hochzeit von Péter Gárdos’ Eltern am 17. März 1946 in Stockholm (vorne rechts).

Péter Gárdos
Fieber am Morgen
Übersetzung:Timea Tankó
ISBN 978-3-455-40557-6
Erschienen:23. September 2015
256 Seiten


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