»Zeige deine Klasse« – Daniela Dröscher im Interview

© Marc Bausback
© Daniela Dröscher


Liebe Daniela, du hast kürzlich ein vielbeachtetes Sachbuch bei Hoffmann und Campe veröffentlicht. In Zeige deine Klasse geht es um deine Sozialisation in der westdeutschen Mittelschicht der Achtzigerjahre. Was war für dich der Anlass, über dieses Thema zu schreiben?

Die Frage der „Herkunft“ war lange Zeit ein blinder Fleck in meiner Wahrnehmung. Genau wie Geld. Meine Mutter hat immer gesagt: „Geld ist nicht wichtig.“ Das stimmt - und es stimmt nicht. Oder besser: es wäre schön, wenn es nicht stimmte. Aber wir leben in einer Welt voller Hierarchien.

Eine zentrale Rolle in deinem Buch nimmt der Begriff der Scham ein. Was meinst du damit genau?

Das Gefühl der Scham hat immer mit einem Machtgefälle zu tun. Die Scham der Mitte ist paradox: Es gibt eine Scham nach oben, und eine nach unten. Bei der Scham nach oben lasse ich mich einschüchtern von Erfolg, Prestige, Geld, Besitz und fühle mich latent minderwertig. Diese Scham ist vollkommen unsinnig. Die Scham nach unten hingegen ist produktiv. Sie politisiert mich. Was wichtig ist angesichts des derzeitigen Rechtsrucks.


 

»Das Buch ist wie eine Art Spiegelkabinett gebaut. Jede*r liest sich selbst darin.«



Zeige deine Klasse
 ist formal etwas ungewöhnlich. Es gibt Einschübe, Fußnoten, Listen, kurze Dialoge und Erinnerungsschnipsel, von dem ›Alphabet der Scham‹, dem Schlussteil des Buches, ganz zu schweigen. Warum hast du dich für diese eklektische Form entschieden?

Es ist ja die Geschichte einer Bewusstwerdung: Was habe ich gelernt über soziale Unterschiede? Wo habe ich meine Eltern ohnmächtig erlebt? Durch die offene Form lasse ich die Leser*innen an meinem Denkprozess teilhaben, an meinen Momenten der Erkenntnis, an meinen ungelösten Fragen, an den Widersprüchen. Das Buch ist wie eine Art Spiegelkabinett gebaut. Jede*r liest sich selbst darin.

Das Wort NORMAL steht konsequent in Großbuchstaben. Es scheint, als würden wir alle unsere ersten Jahre damit verbringen, zu erlernen, was normal ist und uns dann den Rest unseres Lebens für normal halten. Was ist denn nun Normalität?

In meinem Buch gibt es den Satz »Ich kenne keinen einzigen ›normalen‹ Menschen: NORMAL im Verhältnis wozu?« Ich gebe zu, ich fürchte die NORMALITÄT, zu der die Mitte neigt. Zum einen, weil ich eine Frau bin. Die NORMALITÄT unserer Gesellschaft ist eine patriarchale, an der ich abwechselnd scheitere oder verzweifele. Zum anderem fürchte ich sie, weil ich Seite an Seite mit einem Menschen aufgewachsen bin, dem diese NORMALITÄT nicht erlaubt hat, sich wirklich zugehörig zu fühlen. Als Kind schlesiendeutscher Aussiedler war meine Mutter (absurderweise) die ›Polin‹.

Dazu kommt, dass sie dicker ist als andere. Sehr dick. Diese Kombination hat ihr zu schaffen gemacht. Als Kind konnte ich meine Mutter vor dieser Fiktion namens NORMALITÄT nicht beschützen. Aber es gibt auch ein anderes Gesicht der NORMALITÄT. Ein zärtlicheres. Wenn mehr Menschen verstehen, wie brüchig und komplex ihre eigene NORMALITÄT ist und sein darf, kann das entlastend sein. Das Diverse ist das NORMALE.

In deinem Buch geht es um dich, deine Familie und dein näheres Umfeld. Es treten darin viele Personen auf, die dein Verständnis von Klasse beeinflusst haben. Kannst du uns Beispiele geben?

Eine wichtige Figur ist meine Freundin Betty. Ihre Eltern waren konservativer, und sie waren Bauern. Ich habe in meiner Kindheit die Abwertung dieses Berufsstandes miterlebt. Ich habe gemerkt: „Ich gelte als ‚etwas besseres‘.“ Dieses Bewusstsein war mit Scham verbunden. Denn von meinen Eltern wusste ich ja: „Alle Menschen sind gleich“. Warum manche trotzdem „gleicher“ sein sollten als andere, war ein Paradox, das ich nicht auflösen konnte.

Dann gab es die Pfarrersfamilie, die zugleich eine Familie von Musiker*innen war. Bei jedem Dorffest: Musik, Musik, Musik. Und keine anspruchslose. Die Familie hat die Menschen an die Hand genommen und sie ermutigt, zu singen, zu üben, falsch zu singen, weiter zu singen. Es gab Orte, an denen Begegnung stattfinden konnte, an denen soziale - überhaupt Unterschiede - unwichtig waren.

Wie haben deine Freunde, wie hat deine Familie auf dein Buch reagiert?

Meine Mutter war begeistert. Sie hat gesagt: »Ich habe beim Lesen das Gefühl, dass jemand aufräumt.« Mein Vater war anfänglich dagegen. »Muss das sein?«, hat er geschimpft. Letztendlich aber hat er mir seinen Segen gegeben. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Es ist mutig, dass er mich unsere Familiengeschichte erzählen lässt. Ich sage „ich“, damit andere ebenfalls „ich“ sagen.

Meine Freunde haben mich bestärkt in meinem Vorhaben, mich aber auch gewarnt: »Anders als Eribon bist du kein Mann und nicht berühmt!«


Das Buchcover zeigt eine junge Daniela Dröscher Anfang der Achtzigerjahre vor einem knallorangenen VW Käfer. Selbstbewusst lächelst du in die Kamera. Was würdest du der Daniela von damals gerne auf ihren Weg mitgeben? 

Ich würde ihr sagen: Behalte deinen Humor, die Unbefangenheit. Lass dich niemals einschüchtern von Menschen, deren Werte (Prestigestreben, Vermehrung von Geld, Besitzverwaltung) du nicht teilst. Sage weiter laut und vernehmbar, was du liebst. Bleib offen und verletzlich, empathisch. Schenk den richtigen Menschen dein Lächeln. Denen, die deine Empathie zu schätzen wissen. Den anderen nicht.

In Romanen gibt es häufig einen heimlichen Helden, eine Figur, die unterschätzt wird. Gibt es so jemanden auch in Zeige deine Klasse?

Die heimliche Heldin ist meine Mutter. Mein Vater ist mir auch nah, aber ›erzogen‹ hat mich meine Mutter. Sie hat Eigenschaften, die ich bewundere: Sie ist mutig, sie ist wach für Ungerechtigkeiten, sie wählt ihre Worte umsichtig, sie liebt Bücher und Geselligkeit mehr als jeden Besitz. Sie lacht gern, sie ist offen, und sie ist großzügig im Umgang mit Fehlern. Vor allem hat sie keinerlei Herkunfts- oder Standesdünkel. Ich vermute, weil sie selbst gelernt hat, wie schmerzhaft es ist, auf Etiketten reduziert zu werden.

Heutzutage haben viele das Gefühl, dass die sozialen Milieus in unserer Gesellschaft auseinanderdriften. Trennt ein Begriff wie »Klasse« nicht nur noch mehr?

Ich führe den Begriff der Klasse ein, um deutlich zu machen, dass wir in eine ungleiche Welt hineingeboren werden, dass die Herkunft bedeutsam ist.

Die Mittelklasse war bisher eine Klasse „auf dem Papier“, keine Klasse, die ein gemeinsames Ziel hatte. Das gemeinsame Ziel müsste darin bestehen, sich solidarisch mit den weniger Privilegierten zu erklären. Ganz gleich, welcher Herkunft. Aber ohne Ressentiments nach oben. Durch solche Überlegungen verwandelt sich der Begriff der Klasse in etwas verbindendes. Am Ende steht also– so absurd es klingt – ein klassenübergreifender Klassenbegriff.