»Ein Leben lang« von Julia Grosse

© Georgia Kuhn


Julia Grosse
ist Journalistin und hat als Kulturkorrespondentin in London gelebt und dort unter anderem für die taz, FAS, Merian und das Süddeutsche Zeitung Magazin gearbeitet. Mittlerweile lebt sie in Berlin und arbeitet für das Onlinemagazin Contemporary And (C&).

In ihrem Buch Ein Leben lang porträtiert sie Paare, die schon Jahrzehnte zusammen sind. Quer durch Deutschland und bis nach New York ist die Autorin gereist, um die Liebespaare zu treffen, die nach vielen Jahren, tiefen Einschnitten und gemeisterten Krisen in der Gewissheit leben, ihren Seelenverwandten gefunden zu haben. Die Verbindung zu diesem Thema ist eine sehr persönliche, denn die Idee kam ihr durch ihre Großeltern. Wir haben ihr zu ihrem Buch ein paar Fragen gestellt.

Julia Grosse

Ein Leben lang - Was wir von unseren Großeltern über die Liebe lernen können

240 Seiten

ISBN: 978-3-455-00279-9

€ 20,00 (D)
€ 20,60 (A)
€ 26,90 (CH)

 

Liebe Julia, was war für dich so besonders an der Beziehung deiner Großeltern?

Zunächst einmal die schiere Zahl: Die beiden waren siebzig Jahre ein Paar. Siebzig Jahre! Und das eigentlich nonstop sehr glücklich und verliebt. Mein Großvater hat meiner Großmutter zu ihrem 85. Geburtstag vor versammelter Verwandtschaft noch einen unfassbaren Liebesbrief vorgelesen. Alle haben geheult, nur meine Oma strahlte. Sie kannte es ja nicht anders, wurde immer auf Händen getragen. Aber diese Harmonie zwischen den beiden war für uns in der Familie auch immer Fluch und Segen. Denn natürlich wollte ich es später einmal auch so haben. Als besonders empfand ich immer auch, wie modern ihre Beziehung war, das Begehren und der Respekt auf absoluter Augenhöhe, auch wenn die Rollen eher klassisch angelegt waren – mein Opa war berufstätig und meine Oma zuhause. Aber meine Oma hatte ein sehr stabiles Selbstbewusstsein, wie gesagt, er trug sie auf Händen wie seine ganz eigene Greta Gabo. Und wenn sie sich beispielsweise mit ihren Freundinnen im Skiurlaub amüsierte, kochte er nicht etwa vor Eifersucht, sondern freute sich mit ihr, denn von ihrer guten Laune nach dem Urlaub profitierte ja auch er (ganz Kaufmann, der er war). Beide sind 99jährig dicht hintereinander gestorben. Ein wenig wie Philemon und Baucis.

Seit wann hattest du die Idee, daraus ein Buch zu machen und wie kam es dann dazu?

Die Idee hatte ich im Grunde seit zehn Jahren, seit ich die beiden für ein Magazin interviewt habe. Und dabei habe ich gemerkt, wie sehr die Leser darin auch für sich etwas mitgenommen haben. Meine Großeltern wurden danach von der Regionalpresse überrollt. Denn so sehr wir beim Thema "Liebe für immer" die Augen verdrehen und an Powerballaden und Treue-Tattoos denken, so sehr sucht die globale Kultur seit jeher eine Antwort auf die Frage nach der ewigen Liebe.

Insgesamt elf Paare porträtierst du in deinem Buch, wie hast du sie gefunden?

Über unzählige Wege! Freunde, die von ihren verliebten Tanten und Onkeln schwärmten, seitenweise Lokalanzeigen zu Goldenen Hochzeiten und viele Emails an Seniorenheime- und stifte von Nürnberg bis New York ...

Gibt es ein Paar, dessen Geschichte dir in ganz besonderer Erinnerung geblieben ist?

Ehrlich gesagt begleiten mich Stimmungen und Aspekte all dieser Paare permanent. Traurig ist natürlich, dass die Zeit unbeeindruckt weiterzieht und zwei der porträtierten Männer in den vergangenen Monaten bereits verstorben sind. Allerdings im majestätischen Alter von Mitte Neunzig und 103! Sie hatten also sehr lange sehr viel von ihrer Liebe zu ihrer jeweiligen Partnerin.

Bei all den Recherchen und Treffen mit den verschiedenen Paaren, was nimmst du aus diesem Buch mit und was möchtest du den Lesern gerne mitgeben?

Dass es in keinem Fall ein moralisierendes Buch für die ewige Liebe und treue Ehe ist! Eher habe ich zwei wesentliche Dinge aus diesen Besuchen gelernt: Es gibt nicht einen, sondern diverse Wege, seine Beziehung lange und glücklich zu führen. Und (das war mir trotz fünfzehn Jahren Beziehung nicht so klar) vor allem Pflege, Maintenance, ist wichtig. Liebe ist viel Arbeit.