"Enemy - Der Doppelgänger": Der Buch-Film-Vergleich


Am 22. Mai 2014 startete Enemy in den deutschen Kinos, verfilmt von Denis Villeneuve und mit Jake Gylenhaal in der Hauptrolle. Die literarische Vorlage zu Enemy lieferte der Roman Der Doppelgänger des im Jahr 2010 verstorbenen Nobelpreisträgers José Saramago. Im Rahmen einer Blogaktion hatte HOFFMANN UND CAMPE dazu aufgerufen, Film und literarische Vorlage einem Vergleich zu unterziehen. Hier präsentieren wir die Ergebnisse.


Zugegeben, bei diesem Buch-Film-Vergleich handelte es sich nicht um leichte Kost. Der Doppelgänger ist kein gefälliges Werk, die Lektüre ist eher Herausforderung als Unterhaltung – gleiches kann die Verfilmung für sich in Anspruch nehmen. Und so gab es auch Blogger, die entnervt abgebrochen haben. Ingesamt zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben am Ende Buch und Film verglichen.

Passend zum Auftakt der Fußball-Weltmeisterschaft haben wir die Rückmeldungen aus den Blogs in Form von Fußballergebnissen ausgewertet. Insgesamt sind zwölf Tore gefallen - und der Ausgang des Turniers macht eigentlich ein Elfmeterschießen notwendig: Ein klares Unentschieden zwischen Buch und Film!

Unser Dank geht an alle teilnehmenden Bloggerinnen und Blogger, die bemerkenswerte, kurzweilige, kluge und inspirierende Beiträge veröffentlichten. Ein weiterer Dank auch an den Verleih Capelight Pictures, die uns die Kinokarten für die Aktion zur Verfügung stellten.

Wer mehr über José Saramago, das Buch und den Film erfahren möchte, findet weitere Infos und den Trailer in unserem Aufruf zur Blogaktion >


Wie der Name ihres Blogs schon andeutet: Nicole, Betreiberin des Blogs Buchstaben-Junkie ist süchtig nach Büchern, seit Januar 2012 ist sie darüber hinaus leidenschaftliche eBook-Leserin. Nachdem sie schon an unserem Buch-Film-Vergleich zu „Tage am Strand“ teilgenommen hatte, freuten wir uns umso mehr, sie auch dieses Mal für unsere Aktion gewinnen zu können.

„Was für ein Roadtrip quer durch meine Gehirnwindungen.“, so fasst Nicole ihre Begegnung mit dem Geschichtslehrer Tertulian Máximo Afonso und dessen Doppelgänger zusammen. Sie hatte zuerst den Film gesehen, der „bis zur letzten Klappe undurchschaubar, rätselhaft und mysteriös“ bleibt, so dass sie das Kino mit einem „großen Fragezeichen im Gesicht verlassen hatte“. Aber auch das Buch half ihr nicht dabei, das Rätsel zu lösen, ob der Doppelgänger wirklich existierte – es bot ihr höchstens ordentlich Reibungsfläche. „Wer diesem Buch eine Chance geben möchte, muss wirklich Ausdauer beweisen. Ungeduld, wie sie mich zeitweise plagte, ist kein guter Mutterboden für diese geschriebenen Zeilen.“

0:0 unentschieden zwischen Film und Buch!

Zum Buch-Film-Vergleich zu Enemy bei Buchstaben-Junkie >


Seit März 2013 bloggen Mareike und Maike, die sich beide beim Studium in Göttingen kennenlernten, auf Herzpotenzial über alles, was sie in ihre lesewütigen Finger bekommen - vom Klassiker über historische Romane bis hin zum Kochbuch. Für uns hat sich Mareike zum Buch-Film-Vergleich bereit erklärt.

„Die Schnittstelle zwischen Film und Buch ist ein toller Ort, an dem ich mich sehr wohl fühle.“, verortet sich Mareike und ging, nach Lektüre des Buches entsprechend voller Vorfreude ins Kino. „Ich hatte tatsächlich eine stärkere Ähnlichkeit zwischen Buch und Film erwartet, bin aber durch eine starke Variation des Grundthemas im Film überrascht worden.“ Die schauspielerische Leistung Jake Gyllenhaals beeindruckte sie und sowohl Film wie Buch schafften es, sie zu fesseln als auch zu verstören. Ihr abschließendes Fazit: „Da fühlte ich mich im Buch eindeutig wohler, auch wenn es durchaus seine Längen hat, wirkt es in sich stimmiger.“

1:0 fürs Buch!

Zum Buch-Film-Vergleich zu Enemy bei Herzpotential >


Alexandra, PR & Social Media Managerin, literaturverliebt und reiseverrückt, bloggt seit März 2013 auf Traveling the world vornehmlich über ihre Reisen rund um die Welt – aber auch über gute Literatur und deren Verfilmungen!

Alexandra las zuerst das Buch, über das sie befindet: „Zwar muss man sich zunächst etwas durch diese gleichermaßen langatmige wie verwirrende Art des Erzählens durchbeißen, doch sie schafft es auf eine faszinierende Art und Weise, einerseits die Langeweile und die Lethargie, die das Leben des Geschichtslehrers bestimmen, zu transportieren, andererseits die Verstörung, die das Spiel mit dem Doppelgänger stiftet, so dass man das Buch dann doch nicht mehr aus der Hand legen möchte.“ Dennoch gewinnt für sie im direkten Vergleich der Film. „Was Saramago mit Worten schafft, gelingt Villeneuve mit Bildern. Der Film präsentiert weder wortgewaltige Dialoge noch einen Plot à la Hollywood, dafür schafft er eine Stimmung, ein Klima, das den Roman nochmals übertrifft.“

0:1 für den Film!

Zum Buch-Film-Vergleich zu Enemy bei Traveling the world >


Beruflich den Zahlen verhaftet, dreht sich bei Yvonne privat alles um Kultur: Lesen, Filme schauen und darüber bloggen macht mittlerweile einen großen Teil ihrer "Freizeit" aus. Auf Leselink.de bloggt sie gemeinsam mit Stefanie seit 2011 über genau diese Themen.

„Wahrscheinlich ist die wahre Kunst bei der Adaption eines Romans für das Medium Film: Nicht einfach das Gleiche mit anderen Mitteln zu erzählen, sondern etwas eigenes zu erschaffen, durch das die Vorlage noch hindurchschimmert, das sich aber wie ein Kind von seinen Eltern emanzipiert und seinen eigenen Weg geht.“ Und da zieht Yvonne den Hut vor Denis Villeneuve, dem sie bescheinigt, einen grandiosen Film gedreht zu haben. Sie zieht entsprechend den Film vor, legt das Buch aber denjenigen ans Herz, die „ein Ende möchten, das man fraglos akzeptieren kann.“

0:1 für den Film!

Zum Buch-Film-Vergleich zu Enemy bei Leselink >

Unbedingt anschauen: Yvonne hat eine großartige Gegenüberstellung von Buch und Film in Form einer Infographik angefertigt! Sehr sehenswert!


Die Vielleserin, das ist Marie, Journalistik-Studentin, die seit 2008 auf ihrem Blog www.vielleserin.de liest und wertet.

Marie befindet, dass man sich weder Buch noch Film entgehen lassen sollte, denn sowohl Buch wie Film würden die Geschichte auf eine jeweils eigene, dem Medium entsprechende Weise erzählen. „Beide Medien formen aus der gleichen Handlung zwei unterschiedliche Geschichten, die so ähnlich und doch so verschieden sind.“ Und sie bilanziert: „Kurzum profitiert der Film vom Buch ebenso stark wie das Buch von seinem Film profitiert, denn die beiden ergänzen sich trotz aller Unterschiede und lasse beide im Glanz des anderen erstrahlen.“

1:1 unentschieden zwischen Film und Buch!

Zum Buch-Film-Vergleich zu Enemy bei der Vielleserin >


Auf The Read Pack, dem Blog von Alexandra und Susi, wird – ähnlich wie beim legendären Rat Pack (mehr darüber hier) – eine klasse Bücher-Show geboten. Für Enemy ist die „Meute“ samt Anhang losgezogen, Buch und Film einer kritischen Betrachtung zu unterziehen.

So richtig begeistern konnte Alexandra weder Film noch Buch, aber sie meint: „Auch wenn also weder das Buch, noch der Film so richtig mitreißen, haben sie doch einen Sinn von Kunst erfüllt: man kann so richtig darüber diskutieren.“ Vor die Wahl gestellt, ob Film oder Buch „würde ich eindeutig zum Film greifen. Die Handlung war im Vergleich zum Buch deutlich gestrafft und spannender, markanter dargestellt, die Stimmung wurde schön vermittelt.“

0:1 für den Film!

Zum Buch-Film-Vergleich zu Enemy bei The Read Pack >


Auf Lebe lieber literarisch schreibt Mareike, ehemalige Buchhändlerin, Kulturwissenschaftlerin, Germanistin, und belesene Wandlerin in fiktionalen Welten. Auf ihrem Blog geht es seit 2012 um gute Geschichten – die manchmal auch verfilmt sein können.

Mareike, die sich eigentlich als eine entschiedene Gegnerin des Film-Bashings bezeichnet, musste sich im Fall von Enemy untreu werden. „Das liegt nicht nur daran, dass "Enemy" einer der wenigen Filme ist, den ich trotz erhöhter Aufmerksamkeit nicht sofort verstanden habe, sondern vor allem daran, dass das von Saramago virtuous aufbereitete uralte literarische Motiv des Doppelgängers zu einer Feindbildmontage verkommt, die am Ende auch noch mit einer "Moral von der Geschicht'" um die Ecke kommt.“ Und sie schließt mit einem Appel „an alle Literaturverfilmer dieser Erde: Wenn ihr eine wunderbare, mehrdeutige, vielseitig erzählte, dekonstruktivistische  Geschichte vor euch habt, habt Mut ihr nahe zu kommen. Bezwingt euer Ego und lasst eure interpretatorischen Ideen zu Hause, zumindest dann, wenn sie wirklich nicht gut sind. Sonst wird die ewige "Buch ist besser als Film"-Debatte ja niemals aufhören.“

1:0 fürs Buch!

Zum Buch-Film-Vergleich zu Enemy bei Lebe lieber literarisch >


Francine, gelernte Buchhändlerin, betreibt seit über drei Jahren den Blog Francis Buchblog, der allein schon durch sein Design ihre Lebenslust und Fröhlichkeit widerspiegelt. Immer wieder taucht in ihrem Blog auch ihr Freund Hendrik auf – der in unserem Fall zudem eine besondere Rolle spielte.

„Chaos ist Ordnung, das entschlüsselt werden muss.“ Das Eingangszitat des Films haben sich Francine und Hendrik zu Herzen genommen. „Noch immer diskutieren wir über die Essenz des Buches und des Filmes, denn sowohl der Film als auch das Buch sind keine leichte Kost und regen außerordentlich zum Nachdenken an.“ Während Francine erst das Buch las und dann den Film ansah, handhabte Hendrik es umgekehrt, was sich letztlich als nachteilig für Hendrik herausstellte. „Ich [Francine] hatte das Glück, erst das Buch zu lesen und dann den Film zu schauen - bei meinem Freund war es (leider) andersherum.“ Insgesamt tendieren die beiden mehr zum Buch, als zum surrealistischen Film.

1:0 für das Buch!

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Klaudia ist ein multiples Blog-Talent, sich selbst bezeichnet sie unter anerem als Bücherwurm, Social Media Addict und Disney Fan. Auf ihrem Blog Klaudia bloggt geht es um Bücher und Filme – nichts lag also näher, als an unserem Buch-Film-Contest teilzunehmen.

Gleich eingangs macht sie klar: „José Saramago’s Literatur ist keine leichte Kost. „Der Doppelgänger“ ist da auch keine Ausnahme.“ Dennoch schaffte es das Buch schnell, sie zu begeistern: „Das Buch ist unglaublich kurzweilig – sobald die erste Hürde überwunden ist und man sich an den außergewöhnlichen Schreibstil des Autors gewöhnt hat, kann man es nicht mehr abwarten, man will wissen wohin Tertulianos Weg ihn führen wird.“ Und über den Film urteilt sie: „Denis Villeneuve’s Film hat mich sprachlos das Kino verlassen lassen.“ Letztlich kommt sie zum dem Schluss „Also: Lest das Buch, dann schaut den Film. Beides ist zwar keine leichte Kost, aber muss es doch auch nicht immer sein und ich bin mir sicher, ihr werdet genauso wie ich sprachlos das Buch zuschlagen und/oder das Kino verlassen und noch am nächsten Tag über das Buch, den Film, Jake Gyllenhaal, Saramago, Tertuliano und António nachdenken…“

1:1 unentschieden zwischen Film und Buch!

Zum Buch-Film-Vergleich zu Enemy bei Klaudia bloggt >


Über einen eigenen Blog verfügt Ralph Brockmann (noch) nicht – statt dessen postet er seine Leseeindrücke in Foren, sozialen Medien, Intranet etc. Es scheint allerdings nur eine Frage der Zeit, bis ein Blog dringend nötig wird!

In seinem Vergleich arbeitet er nicht nur die Unterschiede von Buch und Film heraus, sondern geht mit Freude unterschiedlichen Interpretationsansätzen der Geschichte nach. Sein Fazit: „Enemy ist hier als Buch und Film eine wunderbare Kombination. Man kann die Geschichte aus zwei Perspektiven kennenlernen und – sofern man es mag – sich den Sinn der jeweiligen Geschichte zusammenreimen. Während der Roman anspruchsvoll geschrieben ist und sich weniger einfach interpretieren lässt, fasziniert der Film durch seine gute handwerkliche Qualität, die mysteriöse Geschichte und Atmosphäre sowie durch die ausgezeichneten Schauspielleistungen. In beiden Versionen empfiehlt sich Enemy für ein anspruchsvolles Publikum, das sich gerne Herausforderungen stellt.“

1:1 unentschieden zwischen Film und Buch!

Hier zur PDF-Version des Buch-Film-Vergleichs von Ralph Brockmann >


 

Wer sich nun gern ein eigenes Bild machen möchte: Enemy ist bei Hoffmann und Campe als eBook erschienen und bei allen wichtigen Plattform erhältlich. Die DVD erscheint am 10. Oktober 2014.

José Saramago
Enemy. Der Doppelgänger
ISBN 978-3-455-81268-8
ET: 30. April 2014