Zeichen der Freundschaft: Siegfried Lenz und Thomas Ganske

 

Unser Autor Siegfried Lenz verstarb am 07. Oktober 2014. Thomas Ganske, der Verleger von Siegfried Lenz und langjähriger Freund blickt zurück: »Wir sind zusammen fischen gegangen und haben über seine Bücher und seine Pläne gesprochen. Er hat mich mit seinem Rat für HOFFMANN UND CAMPE, der immer sein Verlag war, ein Leben lang begleitet. Jetzt bleibt die Erinnerung an eine einzigartige Freundschaft, an einen großen Menschen und als Zeugnis dafür seine Bücher.«

Von einer tiefen Freundschaft und von der treuen Verbundenheit des großen Erzählers mit seinem Verlag, dem Hoffmann und Campe Verlag, zeugt eine Rede, die Thomas Ganske am 19. März 2006 anlässlich des 80. Geburtstags von Siegfried Lenz hielt. Aber auch viele private Bilddokumente geben Einblick in das enge Verhältnis zwischen Autor und Verleger.

Beides möchten wir auf dieser Seite präsentieren.

Bilder aus dem Album Thomas Ganskes

Für alle Bilder gilt © Copyright: Hoffmann und Campe Verlag

Thomas Ganske zum 80. Geburtstag von Siegfried Lenz


Die folgende Rede hielt Thomas Ganske am 19. März 2006 zum 80. Geburtstag von Siegfried Lenz im Rolf Liebermann Studio des NDR in Hamburg.

Sie können diese Rede alternativ auch als PDF abrufen:
Rede von Thomas Ganske zum 80. Geburtstag von Siegfried Lenz >

 

Gäbe es für Schriftsteller eine Altersgrenze, 65 Jahre zum Beispiel, hätte Siegfried Lenz also tatsächlich beschlossen, 1991 in den Ruhestand zu gehen, um Pfeife zu rauchen, zu lesen, sich nicht weiter einzumischen und sich den Mühen des Schreibens zu entziehen, wären mindestens neun Bücher von ihm nicht erschienen, darunter die Romane „Die Auflehnung“, „Arnes Nachlass“ und „Das Fundbüro“, die Bände mit Erzählungen „Ludmilla“ und „Der Zaungast“, die Essays über den Schmerz, über die Zukunft der Literatur, über Schreiben und Leben.

Leben, das ist für Siegfried Lenz Schreiben oder „die Freuden der Pflicht“. In dem Aufsatzthema, das Siggi Jepsen, dem Insassen der Jugendstrafanstalt aufgebrummt wurde, schwingt versteckt Bosheit mit. Das Schreiben wird dem Helden der „Deutschstunde“ so schwer, dass er am Ende ein weißes Blatt Papier abgibt. Siegfried Lenz hat eine solche Pflicht 60 Jahre lang getragen, erduldet und sich selbst auferlegt.

Was Schreiben bedeutet, welche Mühsal, welche Arbeit in unendlicher Beharrlichkeit und Geduld, hat niemand besser beschrieben als er selbst, Siegfried Lenz formuliert: „Zum Schreiben braucht man nicht nur Inspiration, sondern Sitzfleisch und Starrsinn.“

Lieber Siegfried, die meisten Deiner 80 Lebensjahre sind Dienstjahre gewesen, in denen ein großes literarisches Werk entstanden ist. Im Programm des Hoffmann und Campe Verlages tragen 86 Bücher und Publikationen Deinen Namen.

Es sind nun schon bald fünfzehn Jahre vergangen, dass der Hoffmann und Campe Verlag am Harvestehuder Weg ein neues Verlagsgebäude bekam. Ein denkwürdiger Tag. Du hast uns damals eine Rede mit dem Titel „Bedenkenloser Entwurf eines ganz und gar idealen Verlags“ gehalten. Dort wird in feiner Ironie ausgeführt, wie ein Schriftsteller sich den idealen Verlag vorstellt.

Ich finde, es ist an der Zeit, dass ein Verleger auf diesen Entwurf eines idealen Verlags antwortet und öffentlich sagt, wie er sich den idealen Autor vorstellt.

Der ideale Autor wechselt nicht alle paar Jahre den Verlag. Wer schreibt, der bleibt! Am besten, er kommt gleich mit einem überzeugenden Erstlingswerk und bleibt dem Verlag mindestens fünfzig Jahre treu. Er ist mäßig in seinen Forderungen, bescheiden in seinen Ansprüchen, aber so stilsicher und verlässlich in seiner Arbeit, dass für die Lektoren praktisch kaum etwas anderes zu tun bleibt, als ihn dann und wann zu loben.

Dem schließt der Verleger sich dann gern an. Er bittet seinen Autor, dass alle Bücher so geschrieben sind, dass er nicht der Einzige ist, der sie mit Gewinn liest, so dass er das Nächste kaum erwarten kann.

Ein guter Autor erreicht viele tausend Leser, der ideale Autor ein Millionenpublikum. Sein Werk wird in mindestens 26 Sprachen übersetzt. Er sollte 16 Romane schreiben, aber auch – und das ist ganz wichtig – Erzählungen und einige Theaterstücke, ich denke an eine Produktion, an ein Lebenswerk von, sagen wir, mindestens 50 Büchern.

Der ideale Autor schreibt ausschließlich für den Hoffmann und Campe Verlag, vielseitig und abwechslungsreich in Länge und literarischer Form, um die Veröffentlichung in verschiedenen Reihen und Ausgaben möglich zu machen.

Sollte die Kritik in unsachlicher und unangemessener Art das eine oder andere beanstanden, sieht der ideale Autor mit einem Lächeln darüber hinweg und wendet sich umso intensiver einer neuen Arbeit zu. Es dient natürlich den Interessen des Verlages und ehrt ihn, wenn der Autor wichtige Literaturpreise entgegen nimmt.

Persönlich erhoffe ich vom idealen Autor, dass er beim Schreiben einen guten Tabak in der Pfeife hat, damit das Manuskript im Verlag auch einen angenehmen Duft verströmt, und über die Rotweinsorte sollte man auch leicht einig werden können.

Ich habe, lieber Siegfried, Deine Rede zur Eröffnung des Verlagshauses noch einmal durchgelesen, und bin – wie Du – zu der Erkenntnis gekommen, dass es den idealen Verlag nicht gibt, wohl nicht geben kann. Aber den idealen Autor habe ich gefunden.

Wir sind in den vielen Jahren Freunde geworden, und mir bedeutet diese Freundschaft sehr viel. Ich gebe gern zu, dass ich diesen wunderbaren und etwas scheuen Freund auch als Vorbild sehe, in seiner Lebenshaltung, in seiner Klugheit, in seiner Geduld, mit der er Zumutungen des Lebens, des Berufs und manchmal auch des Verlages erträgt, für den er mit unerschütterlicher Treue arbeitet, weil er, wie er mal gesagt hat, „ein Virtuose der Nachsicht ist.“

Ich habe diese Treue nie für selbstverständlich genommen, sie war auch sicher nicht immer die einfachste Lösung. Ich sehe sie als ein Geschenk, als einen Glücksfall für den Hoffmann und Campe Verlag.

Und dafür, lieber Siegfried, heute und auf alle Zukunft: Danke!