Hoffmann und Campe Verlag GmbH
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9. Alle meine Wünsche
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10. Total Recall
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Laudatio auf Martin Walser von Rainer Moritz


Wenn es nach den Schubladenverwaltern des literarischen Betriebs ginge, wären die Aufgaben klar verteilt und Grenzüberschreitungen verdächtig oder gar unerwünscht. Schriftsteller schreiben Bücher, Lektoren lektorieren, Verleger verlegen, Kritiker kritisieren – so einfach könnte es auf der Welt zugehen ... und so langweilig. Wer sich nicht an diese Rollenzuteilungen hält, wird mit Argwohn betrachtet, denn wo die Schubladen unverhofft gewechselt werden, scheinen Ordnung und Seelenheil dahin.

Als sich die Verantwortlichen des Hoffmann und Campe Verlags dazu entschlossen, erstmals einen „Preis der Kritik“ zu verleihen, ging es ihnen auch darum, die vermeintlich ehernen Gesetze dieser Schubladenwelt zu unterlaufen und etwas zu tun, was den Diskursritualen widerspricht, was das System der eingespielten Meinungen und Vorurteile nicht befördert. Ein Buchverlag, der einen „Preis der Kritik“ verleiht? Geht das? Darf man das? Ist das nicht nur ein – ausgesprochen plumper – Versuch, sich bei der gestrengen Rezensentenspezies einzuschmeicheln oder die famoseste Kritik eines bei Hoffmann und Campe erschienenen Buches zu feiern? Ich glaube, ein Verlag darf das, vielleicht muss er es sogar. Er darf das, wenn es ihm auch darum geht, die literarische Landschaft zu beleben. Und er muss es, wenn er die Diskussion über Bücher, über die Funktion von Literatur als sein Anliegen betrachtet. Nein, keine Angst, wir sitzen nicht alle im selben Boot, zumindest nicht immer, doch Verlage, die sich nur aus ökonomischen Gründen um die Literaturkritik kümmern, gehen ihrem Geschäft nur halbherzig, nur mit halbem Herzen, nach und sind letztlich von Essiggurken- oder Jalousienherstellern nicht mehr zu unterscheiden. Über Bücher – alte wie neue – muss geredet, debattiert werden, und es muss Leidenschaft walten, wenn wir nur ein klein wenig daran glauben, dass der Inhalt von Büchern uns angehen kann und sollte.

Unser „Preis der Kritik“ soll deshalb alljährlich Persönlichkeiten auszeichnen, die sich – wie sagt man so stereotyp? – Verdienste um die Literaturkritik und Literaturvermittlung hierzulande erworben haben – Persönlichkeiten, die sich auf unverwechselbare Weise für Gedichte, Theaterstücke oder Romane ins Zeug legen und so das Fähnlein der Literatur hoch halten. Diese Definition lässt unterschiedliche Akteure als Preisträger zu: renommierte Kritiker im engeren Sinn, Nachwuchsrezensenten, die unserer Auffassung nach von sich reden machen werden, oder Autoren, die sich in Essays und Artikeln für das Werk von Kollegen verwandt haben. Für das Jahr 2002 fiel die Wahl des Hoffmann und Campe Verlags auf den Schriftsteller und Essayisten Martin Walser. Sein Werk, das 1955 mit dem Erzählband Ein Flugzeug über dem Haus einsetzte, ist so umfangreich, dass es an dieser Stelle nicht einmal in Umrissen skizziert werden kann. Es geht hier nicht um dem Theaterautor und den Romancier, der sich mit Titeln wie Ehen in Philippsburg, Halbzeit, Ein fliehendes Pferd, Seelenarbeit, Brandung oder Ein springender Brunnen längst in die Geschichte der deutschsprachigen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur eingeschrieben hat. Und es geht schon gar nicht darum, die Diskussion um Martin Walsers aktuellen Roman fortführen oder entscheiden zu wollen. Nein, wir würdigen heute einen Autor, der seit den fünfziger Jahren über die Rolle der Literatur nachdenkt – dokumentiert etwa in den Essaybänden Wie und wovon handelt Literatur oder Wer ist ein Schriftsteller? – und der seit dieser Zeit Lektüren, seine Lektüren beschrieben hat und diese als „Liebeserklärungen“ unter die Leser zu bringen versucht. Martin Walser ist ein Literaturvermittler par excellence. Leseerfahrungen mit Marcel Proust ist einer seiner frühen Essays überschrieben, und bereits dieser Titel ist Programm. „Erfahrungen“ werden gemacht und mitgeteilt, Eindrücke, die so nachhaltig waren, dass sie das eigene Leben beeinflussten, ja vielleicht veränderten. „Ein Buch ist für mich eine Art Schaufel, mit der ich mich umgrabe“, heißt es gleich zu Anfang des Proust-Essays, und damit ist formuliert, worum es beim Lesen geht. Das Eintauchen in eine fremde Romanwelt – etwa in die der Proust’schen Salons des Fin de siècle – verändert den Blick auf den eigenen Alltag und führt zu einer subtilen Verschiebung der Wahrnehmungen.
„Proust gelesen zu haben heißt, immer wieder an ihn erinnert zu werden“, lautet ein Effekt der Lektüre. Wer sich einmal den zahllosen unscheinbaren Momenten des Proust’schen Kosmos hingegeben hat, wer den Mäandern dieses Romanzyklus gefolgt ist, wird sich – wie Walser mutmaßt – „vielleicht als eine Kümmerform menschlichen Daseins empfinden“, weil die Rezeption des eigenen Lebens weit hinter dem zurückzubleiben scheint, was Prousts Erzähler und seinen Figuren gelingt. Die Lektüre gerät deshalb zum Ansporn, treibt dazu, die eigenen Ansprüche hoch zu halten. Martin Walser hat diese Erfahrung in einer Formel zusammengefasst, die noch heute vielen Proust-Enthusiasten als Ritterschlag erscheint: „Mir ist in einer solchen Situation einmal eingefallen, dass ich, wenn Proust ein Industrieartikel wäre, zu dem Slogan raten würde: Proust-Leser sind im Vorteil.“ Der Vorteil des Lesens – das kann wie bei Proust das Offenbarwerden ungemein differenzierter Empfindungs- und Wahrnehmungsnuancen sein. Oder es kann wie bei Hölderlin der Einbruch des Ungeheuren sein, als der fünfzehnjährige Martin Walser auf dem Dachboden ein Cotta-Bändchen mit Hölderlin-Versen entdeckt und das Gedicht Heimkunft so empfindet, „als hätte der Schreiber von eben dem Standpunkt aus in die Alpen gesehen, auf dem ich mich befand“. Literatur wird hier unverblümt zum „Vehikel der Erinnerung“, zur Orientierungsboje im Lebensfluss, und diese elementare Erfahrung wird nie vergessen – was immer die darauf folgenden Jahre an Neuem und Anderem brachten.

Wenn Martin Walser über seine Leitbilder, seine Ikonen spricht, dann spricht zwar auf der einen Seite der beschlagene Germanist, der bei Friedrich Beißner über Franz Kafka promovierte, als es noch nicht chic war, über Franz Kafka zu promovieren Auf der anderen Seite jedoch spricht vor allem der unvoreingenommene Enthusiast, der mit den Interpretationsvorschriften und mit den, wie es in einem Jonathan-Swift-Aufsatz heißt, „aufgestellten Wortspalieren“ der Fachchinesen nichts im Sinn hat.
Mein Schiller hieß folglich die Rede zur Verleihung des Schiller-Gedächtnispreises im Jahr 1980 – nicht der entrückte Weimarer, nicht der seinerzeit von sich fortschrittlich gebenden Germanisten zu den Akten gelegte „Pathos-Schiller“ rückt ins Blickfeld, sondern der Lyriker, dessen Gedichte Walser 1939 in sich aufsog und der zu einer der „Unvergleichlichkeiten“ wurde, „die in jenem Ortzeitgemisch vorkommen, das man Heimat nennt“.
Wenn die Literatur sich so als Eckpfeiler der Biografie erweist, geht es vorrangig nicht um Fragen der Qualität oder der Wertung. Man mag sich entfernen von dem, was man einmal liebte – das ist in Ordnung. Doch es wäre unverzeihlich, die alten großen Lieben im Nachhinein zu verraten: „Ich habe Karl May in meiner Kindheit mit so viel Hingerissenheit gelesen. Ich kann mich nicht fragen: ist das trivial, was der schreibt?“ Karl May, der, so Walser, „Prärie-Schiller aus dem Erzgebirge“, bleibt in der Ahnengalerie, weil er einst für authentische Lesebegeisterung sorgte. Oberlehrer mit Notenbüchlein haben an diesem Ort nichts zu suchen. Und auch vielleicht eher schlichtere Verse wie Heinrich Heines Ein Fichtenbaum steht einsam können denjenigen anrühren, der nicht „ununterbrochen Qualität“ bestimmen muss.

Natürlich hat der Leser Walser Präferenzen und, wie es in seinem Essay Heines Tränen heißt, eine Vorliebe für „Dichter, bei denen die Unsterblichkeit die Sterblichkeit nicht einfach vertreibt“. Während sich Kafka, Heine oder Hölderlin uneingeschränkter Zuneigung erfreuen, bleibt anderen gegenüber eine deutliche Reserve: Mit Goethe ringt Walser viele Jahre lang, bis die Wilhelm-Meister-Lektüre endlich den Bann bricht und zu den brillanten Aufsätzen Goethes Anziehungskraft und Hilfe vom Selbsthelfer führt. Und auch die Thomas-Mann-Huldigergemeinde hatte gelegentlich zu leiden, wenn Martin Walser seinen Ironiebegriff in Abgrenzung von Thomas Mann entfaltete oder im Werk des Lübecker Kollegen gar eine „Bedeutungsverpackungs-produktion in sauerstoffarmer Höhe“ walten sah. Auch dort freilich, wo Martin Walsers Leseerlebnisse nicht zu uneingeschränkten Liebeserklärungen werden, sind sie Auseinandersetzungen, die sich nichts vom Zeitgeist diktieren lassen. Walser schreibt einen der frühesten deutschen Arbeiten über Proust; er gehört mit zu den Entdeckern seines Namensvetters Robert Walser, und er rühmt Brecht zu einer Zeit, als es nicht beziehungsweise nicht mehr angesagt war, Brecht zu rühmen. Wie sich Martin Walser auf politischer Ebene gegen eine „cooperative Vergangenheitsbewältigung“ wendet, so taugt die Literaturgeschichte nicht dazu, unumstößliche Leseanleitungen zu geben. Klassiker, so Walser, sind Autoren, „die die meisten Leute am längsten brauchen“ – so einfach ist das, und wer für den eigenen Gemüts- und Gedankenhaushalt zum „Klassiker“ aufsteigt, ist wiederum eine ganz andere Frage.
Martin Walsers Sich-Befassen mit der Literatur anderer beschränkt sich nicht darauf, Lesarten etablierter Texte anzubieten. Wer neugierig darauf geblieben ist, gegen die Mängel des Lebens auch lesend anzugehen, wird allenthalben nach aufwühlenden Erfahrungen Ausschau halten. 1982 etwa schrieb Martin Walser das Nachwort zu Rabenkrächzen, zu einer Prosachronik bäuerlichen Schreckens im 20. Jahrhundert. Ihre Verfasserin, die pensionierte Handarbeitslehrerin Maria Beig, bot in diesem Erstling, wonach ihr berühmter Landsmann suchte und wohl bis heute sucht. „Ein Buch, als gebe es kein anderes, müsse nie ein anderes geben“, so setzt Walsers Hymne auf Maria Beig ein – im Konjunktiv, der anzeigt, wie nach ursprünglichen, nach unerhörten Lese- und Lebenserfahrungen gegiert wird ... oder zumindest nach der Illusion einer ursprünglichen und unerhörten Lese- und Lebenserfahrung. Rabenkrächzen wirkt, so der Lobredner, „wie etwas, was auf der Wiese gewachsen ist, während wir anderen Schreibenden alle im Garten wachsen müssen“, und gerade darin liegt das Faszinosum der Kollegin Beig.
Maria Beig, Maria Müller-Gögler, Maria Menz – Walsers Begeisterung entzündet sich nicht nur an diesen drei oberschwäbischen Marien-Erscheinungen. Wieder und wieder zieht es ihn zu Autoren, die nicht jene – im Gefolge der klassischen Moderne des 20. Jahrhunderts – oftmals propagierte „Modebank“ spielen, die schlechthin „Fiktion für tot erklärt“. Nein, Walser ist – wie immer man das definieren mag – ein realistischer Erzähler, der den bequemen Standpunkt, die Zeit realistischen Erzählens sei für immer und ewig vorbei, nicht hinnehmen mag. 1994 zum Beispiel rühmt er die Romane Arnold Stadlers, zu einem Zeitpunkt, als niemand daran dachte, dass dieser Autor ein paar Jahre später mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet würde. Was an Stadler gefällt und mit Verve herausgearbeitet wird, ist Teil der Walser’schen Poetik: „Auf keiner Seite regiert der schwarze Mutwillen eines Autors, der Welt und Länder und Menschen einfach zum Unglücksfall der Zell- oder Seinsgeschichte macht und sich selbst glorios ausnimmt.“
Wo immer sich Martin Walser aufschwingt, für Literatur zu werben, beschreibt er – wie es am Beispiel von Goethes Wilhelm Meister heißt – Begegnungen, „lichtvoll und hochgestimmt, wie es sein soll bei einem Lese-Erlebnis“. Lichtvoll und hochgestimmt – das ist die Messlatte der Glücksmöglichkeiten, die an die Lektüre angelegt wird. Und beide Adjektive – lichtvoll und hochgestimmt – signalisieren, dass sie nicht dem Register der herkömmlichen Literaturkritik entnommen sind. Ihr schrieb Martin Walser im Laufe der Jahre manches ins Stammbuch, 1978 im Essay Heimatbedingungen etwa diesen Satz: „Verblüffend ist immer wieder, dass die Literaturkritiker ganz offensichtlich der Meinung sind, sie versähen ihr Urteilsgeschäft nach literarischen Maßstäben.“ Die behauptete Objektivität, das So-tun-als-ob – das trennt den Literaturvermittler Martin Walser von den manchmal nur schnell schießenden Vertretern der kritischen Zunft. „Ich bedaure jeden“, heißt es im Proust-Essay, „der durch seinen Beruf gezwungen wird, schon am Nachmittag zu sagen, dass das, was er am Vormittag las, gut oder schlecht sei“. Derartige Zwänge – deren zweifelhaften Früchte wir auch in diesem Sommer mancherorts zu kosten hatten – muss sich der Schriftsteller, der primär kein Kritiker ist, nicht auferlegen. Seine Sympathien und auch seine Antipathien entzünden sich an dem, was Literatur im Kopf und im Herzen des Lesers bewegt – oder mit den Worten Martin Walsers gesagt: „Tatsächlich ist das doch von Anfang an die wichtigste und schönste Wirkung eines Buches, dass wir beim Lesen empfinden, wir läsen gar nicht mehr in einem anderen Leben, sondern im eigenen.“ Das ist ein nachgerade proustischer Satz, und das ist die Maxime, die den schreibenden Leser Martin Walser ein halbes Jahrhundert leitete.

„Lichtvoll und hochgestimmt“ – so, meine Damen und Herren, sollen wahre Leseerlebnisse offenkundig beschaffen sein. Wir danken dem Schriftsteller Martin Walser dafür, dass er uns an seinen – ich verkürze – „lichtgestimmten“ Erlebnissen teilhaben ließ und permanent dazu auffordert, uns mit nichts Geringerem zufrieden zu geben. Unser „Preis der Kritik“ für den Vermittler Martin Walser ist mit der Düsseldorfer Ausgabe Heinrich Heines dotiert, jenes Autors, der die frühe Geschichte des Hoffmann und Campe Verlages wie kein anderer geprägt hat. Möge der Heine-Kenner Walser darin manchem Lektürefundstück begegnen! Und der Rotwein aus Frankreich, ein nicht ganz leichtgewichtiger Gigondas, ist hoffentlich dazu angetan, künftige Leseerlebnisse noch lichtvoller und noch hochgestimmter werden zu lassen. Heine lesen und Rotwein trinken, das ist ohnehin ein schönes Programm für die Zeit des Herbstes, die unweigerlich jeder Buchmesse folgt.



11.10.2002
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