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Wer Allahs Wort missbraucht - Vortrag von Mostafa Danesch anlässlich der Buchpräsentation


Am 11. September 2002, Deutsche Parlamentarische Gesellschaft Berlin (leicht gekürzte Fassung).

"[...] Seit fünfundzwanzig Jahren beschäftige ich mich als politischer Journalist mit der islamischen Welt und habe in dieser Zeit unzählige Artikel verfasst und Fernsehberichte gedreht. Doch zum Verfassen eines Buchs musste ich mich lange durchringen. Und zwar gerade, weil ich als gebürtiger Iraner Anteil am islamischen Kulturkreis habe, gerade weil ich praktisch alle islamischen Länder bereist habe, insbesondere Afghanistan. Aber wenn man hinter die Kulissen der Politik schaut, wenn man die gesellschaftlichen Strukturen und die Weltanschauung versteht, aus denen sich der islamische Fundamentalismus speist - dann vermag man nicht mehr die einfachen Einteilungen in Schwarz und Weiß vorzunehmen, in Gut und Böse, wie sie im Kalten Krieg und noch lange danach gefragt waren. Wer damals vor den Gefahren des Fundamentalismus warnte, wer beispielsweise die Menschenrechtsverletzungen der Mujahedin anprangerte, die doch im Westen als Freiheitskämpfer galten, der stieß im Westen auf taube Ohren. Oder, noch ärgerlicher, man wurde als "Desinformant" verunglimpft. [...]

Zugleich musste ich registrieren, dass viele Berichterstatter sich als "Afghanistan-Experten" anpriesen, nachdem sie sich auf ein, zwei Reisen ins Land einen oberflächlichen Eindruck verschafft hatten, und dass das gefährliche Potential des Fundamentalismus heruntergespielt wurde, solange man im Westen glaubte, ihn als politische Waffe einsetzen zu können. Letztlich haben mich dann doch die Ereignisse des 11. September und der darauf folgenden Monate bewogen, das vorliegende Buch zu schreiben. [...]

Die afghanische Geschichte der letzten dreiundzwanzig Jahre und die Geschichte des fundamentalistischen Terrors, sie sind zugleich die Geschichte des Kalten Krieges. In meinem Buch stelle ich dar, wie der Westen die islamistischen Kräfte gezielt aufbaute, um die Konfrontation der Supermächte im Kalten Krieg für sich zu entscheiden und seine strategischen Interessen in der Region durchzusetzen - mit anderen Worten den Zugriff auf das zentralasiatische Öl. Eine Sichtweise, mit der ich heute längst nicht mehr allein stehe. Sogar US-amerikanische Politiker geben das inzwischen offen zu. 1978 putschte sich in Afghanistan eine kommunistische Regierung an die Macht. Schon damals erklärte Sicherheitsberater Brzezinski seinem Präsidenten Jimmy Carter, dies sei die Gelegenheit, der Sowjetunion "ihr Vietnam" zu bereiten, wie er 1998 in einem Interview berichtete. In der Folge gingen zunächst alle strategischen Planungen der USA auf: Pakistan wurde zur regionalen Stellvertretermacht aufgebaut, die Mujahedin wurden massiv unterstützt, eine internationale Truppe islamistischer arabischer Söldner wurde geschaffen. Unterdessen rieb die Sowjetunion sich in einem blutigen Krieg auf, der nicht zu gewinnen war, der schließlich ihr Ende einläutete und das kommunistische Regime in Kabul stürzte. Nachdem die Mujahedin das Land mit einem grausamen Bürgerkrieg überzogen, zauberte man als neue Wunderwaffe die Taliban aus dem Hut, deren Regime bald mit der al-Qaida verschmolz. In Afghanistan hatte der fundamentalistische Terror damit eine Heimstatt gefunden, stand der al-Qaida praktisch ein ganzes Land als Operationsbasis zur Verfügung. Die Islamisten trugen Aufruhr nach Zentralasien, ja bis nach Dagestan und Tschetschenien. Die Konflikte erschütterten die russische Föderation, immer noch eine starke Regionalmacht. Erst nach den Attentaten von Daressalam und Nairobi 1998, die Bin Laden zugeschrieben wurden, ließen die USA die Taliban endgültig fallen. Denn eines hatten die Strategen in Washington übersehen: Sie glaubten, den islamischen Fundamentalismus nach Belieben als strategische Waffe instrumentalisieren zu können. Dass der sich gegen seine Schöpfer wenden könnte, hielten sie nicht für möglich. Dabei hatten Bin Laden und seine Gesinnungsgenossen sich nie verstellt, hatten keinen Hehl daraus gemacht, dass der Westen und besonders die USA für sie ebenso "Teufel" und Feinde des Islam waren wie die Kommunisten. Viel zu spät erkannte man, dass sie tödlichen Ernst machten.

Aus heutiger Sicht ist fast unbegreiflich, wie die USA an ihren fundamentalistischen Verbündeten festhielten, sogar nachdem bekannt war, dass Bin Laden hinter den Anschlägen gegen amerikanische Einrichtungen in Saudi-Arabien stand. Erklären lässt sich das nur durch das überwältigende Gewicht der Erdöl-Lobby, die nicht von ihrem alten Traum ablassen mochte: der Errichtung einer Pipeline, die von Zentralasien über Afghanistan bis nach Pakistan führen sollte. Dazu aber brauchte es ein "befriedetes" Afghanistan, ganz gleich unter wessen Herrschaft.[...]

Afghanistan ist jedoch nicht das einzige Thema meines Buches. Die "Krisen in der islamischen Welt" - so der Untertitel - stehen am Ursprung dessen, was uns heute als fundamentalistischer Terror entgegentritt. Dies macht eine Betrachtung notwendig, die weit über Afghanistan und seine unmittelbaren Nachbarn hinausgeht. Wer die Ideologie der Fundamentalisten begreifen und nicht nur oberflächlich ein Phänomen beschreiben will, der muß beispielsweise auch den Blick auf den Iran richten, auf die Märtyrerideologie der Schiiten, die in der ganzen islamischen Welt Fuß gefasst hat, die erst möglich macht, Selbstmordattentäter als perfekte Waffe einzusetzen. Der muss den iranischen Gottesstaat unter die Lupe nehmen, um zu verstehen, was für eine Herrschaftsform die Fundamentalisten anstreben. Der muss die sozialen und politischen Verhältnisse in Saudi-Arabien, in Ägypten oder Algerien betrachten, um zu verstehen, warum gerade von dort die Söldner Bin Laden in Scharen zulaufen. Oder - um ein letztes Beispiel zu nennen - den Nahostkonflikt zwischen Israel und Palästina, mit dem die Terroristen ihre Anschläge rechtfertigen.

Wenn Sie nun aber fürchten, eine islamwissenschaftliche Untersuchung oder trockene Fakten erwarteten Sie, dann enttäusche ich Sie gern. Seit einem Vierteljahrhundert arbeite ich als Berichterstatter aus Kriegs- und Krisengebieten. In meinen Artikeln und Filmbeiträgen berichte ich vor allem über das, was ich selbst gesehen und erlebt habe - und genauso habe ich dieses Buch verfasst, auf der Grundlage persönlicher Beobachtungen und Begegnungen, wobei natürlich die politische Analyse nicht zu kurz kommt. Letztlich ist das Buch an meinem Schreibtisch verfasst worden, doch entstanden ist es im Grunde im alten Königspalast von Kabul, in den Steppen Nordafghanistans oder in den Straßen von Teheran. Ich wende mich nicht an Spezialisten und Wissenschaftler, sondern ich möchte den interessierten Leser mit auf eine Reise nehmen, die bei allem Ernst des Themas auch spannend sein soll. Er soll selbst mit den Mächtigen Afghanistans an der Festtafel im Arq-Palast sitzen, er soll selbst den islamischen Richtern in Teheran über die Schulter sehen oder miterleben, wie der oben angesprochene UN-Botschafter Richardson auf dem Flughafen von afghanischen Frauenrechtlerinnen bestürmt wird.

Gestatten Sie mir zum Schluss noch eine persönliche Anmerkung. Ich habe dieses Buch auch als Betroffener geschrieben, als jemand, dessen Familie durch Khomeinis islamische Revolution auseinander gerissen wurde und der durch den Terror des iranischen Regimes Familienmitglieder verloren hat. Daher habe ich dieses Buch meinem Bruder Ahmad gewidmet, der nach fünfjähriger Haft, nach Folter und Isolation, in Teheran hingerichtet wurde, nur weil er sich nicht zu Khomeinis Islam bekennen wollte. An ihn und an alle Opfer des islamischen Fundamentalismus möchte ich erinnern, indem ich diejenigen anprangere, die Allahs Wort für ihren Terror missbrauchen."



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BÜCHER
Wer Allahs Wort missbraucht

Wer Allahs Wort missbraucht
Mostafa Danesch
Ein profunder Kenner meldet sich zu Wort: Mostafa Danesch analysiert die Entwicklung der islamischen ...
 
TEXT
Einführung von Prof. Dr. Rita Süssmuth

Wenn ich mich versuche in einer kurzen Einführung des Buches von Mostafa Danesch „Wer Allahs Wort ...
 
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