Hoffmann und Campe Verlag GmbH
Donnerstag, 20. Juni 2013  
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Alles zu seiner Zeit 1. Alles zu seiner Zeit

von Michail Sergejewitsch Gorbatschow
2. Der Weg des Falken
  von Jamil Ahmad
3. Brückenschläge
  von Genscher Hans-Dietrich
4. Das Stockholm Oktavo
  von Karen Engelmann
5. Der Andere
  von David Guterson
6. Liebestod
  von Holger Noltze
7. Die Welt ist eine Scheibe
  von Alexandra Kuitkowski
8. Verteidigung der Missionarsstellung
  von Wolf Haas
9. Alle meine Wünsche
  von Grégoire Delacourt
10. Total Recall
  von Arnold Schwarzenegger

Einführung von Prof. Dr. Rita Süssmuth


Wenn ich mich versuche in einer kurzen Einführung des Buches von Mostafa Danesch „Wer Allahs Wort missbraucht“, dann tue ich das in drei Schritten. Einmal, indem ich politisch beginne. Dass für die Buchpräsentation der heutige Tag gewählt wurde, ist aus meiner Sicht kein zufälliger, sondern ein politischer Akt. Warum ist mir das wichtig? Weil an diesem Tag, der ausgerufen wird als der Gedenktag an den 11. September, der Versuch unternommen wird, mit dem Thema, den Aussagen, den Kernbotschaften des Buches mehrere Blicke zu haben und nicht nur einen Blick zu haben und uns vor allen Dingen deutlich zu machen, was hochaktuell ist, die Abgrenzung, die Thesen zur Unvereinbarkeit der Kulturen, die unangemessene und politisch höchst brisante, gefährliche Antwort auf bestehende Konflikte. Und deswegen ergreife ich ausdrücklich die Chance, noch mal hier zu sagen, ich ende wie Sie mit Ihrem Epilog, aber es durchzieht Ihr gesamtes Buch, vom Vorwort bis zum Epilog: Müht Euch um den Dialog. Und das ist nicht einfach nicht akademische Veranstaltung, sondern ein Prozess, der sich auf der Ebene der geistigen Auseinandersetzung, auch der geistigen Begegnung, der sich auf der Ebene einer anderen Politik, auf der Ebene von Entwicklung und Zusammenarbeit und auf der Ebene „Kann es Frieden geben, und wie kann es Frieden geben“ bewegt.

Er geht nicht aus als Autor von Huntingsons Grundprämisse Clash of civilizations. Ich höre zwar auch von Harvard-Experten, dass Huntington jetzt wieder davon abrückt, schon in seinem Buch ist es mal Stoßrichtung A, Stoßrichtung B, nur dieser Clash of civilization – Kulturen passen nicht zusammen - der kommt mir im Augenblick wieder so mittelalterlich aktuell vor, als hätte sich seit dem Mittelalter nichts geändert. Und ich sage es bis hin zu Fragen der Türkei, wir können die Türkei dahinstoßen, wohin wir sie nicht haben wollen oder wir können das Gegenteil tun. Es hat alles massive politische Auswirkungen. Fremdheit resultiert auch aus dem, was Sie, Herr Danesch, im Buch darstellen, das Sich-nicht-kümmern und zu falschen Prämissen kommen, wer was glaubt, denkt und wie tut. Dabei komme ich schon zu der Bedeutung des Buches. Sie können mich gleich korrigieren, und die eigentliche Kernmission, seine Kernbotschaft wird er selbst vortragen. Ich kann’s nur sagen, wenn man etwas geschrieben hat, löst man es ja von sich ab, das ist das Kernproblem der Hermeneutik, wie nehmen es diejenigen auf, die es dann lesen. Ich beginne einmal damit, ich werde morgen gefragt, wie ist das Buch zustande gekommen.

Wenn ich Sie lese, dann merke ich, dieser 11. September hat Sie, der Sie schon lange vertraut sind als Journalist, als Filmemacher, also schriftstellerisch und künstlerisch, aber auch in Gerichtsgutachten, wo es hart um die Wirklichkeit geht, offenbar noch mal so aufgewühlt, dass Sie schreiben mussten, und das erlebt man dann in der Unmittelbarkeit der Sprache. Ich kann nur dafür werben, Sie lesen sich wirklich hinein in dem Wortsinne, Sie werden ein Miterlebender. Das finde ich bei einem Buch ganz wichtig. Es ist nicht eine Theorie im Sinne „Wer Allahs Wort missbraucht“, sondern es geht von sehr konkreten Erfahrungen, Erlebnissen aus und fragt dann immer wieder, wo hat das seinen theoretischen Ort, seine geistigen Grundlagen, seinen politischen Ort. Es ist deswegen auch ein Buch, was nicht primär sich nur richtet an Kenner und Kennerinnen, sondern an jene, die sich einlassen wollen auf diese Welt, die uns in der Tat fremd ist. Ich setze es immer als Beispiel: Wir leben zwar mit 2,6 Millionen Türken, aber von ihrer Kultur, ihren Kulturen verstehen wir ganz wenig. Wir haben das Nebeneinander, nicht das Miteinander. Und noch fremder sind uns die verschiedenen arabischen Welten, und mein Kollege hat es eben schon betont, ich muss mich einlassen, hingehen, schauen, vertraut werden, sonst kann ich nicht verstehen. Dabei bleiben immer, wie im Individuellen auch, Grenzen des Verstehens, und kulturelle Entwicklung bedeutet, dass man auch die Grenzen des Verstehens miteinander prägt. Das setzt klare Positionen voraus, und damit komme ich zu einem weiteren Punkt, die werden hier auch klar beschrieben.

Hier wird nicht ein Islamismus, eine Ideologie stehen gelassen vor lauter Verständnis, wie sie denn zustande gekommen ist, sondern es haben die Leser und Leserinnen die Möglichkeit, Ideologie zu begreifen. Übrigens auch so, dass wir keinesfalls am Ende der Geschichte sind mit den Ideologien, sondern dass immer wieder neue entstehen, dass aber auch fundamentalistischer Islamismus nicht einfach nur eine Antwort ist auf das Ende des Kalten Krieges, sondern lange vorher bestanden hat, was in der Entwicklung des Kalten Krieges nicht wahrgenommen wurde. Lassen Sie mich ein Drittes sagen. Es liegt dann oft nahe, und es wurde auch gesagt, ist es nicht ein anti-amerikanisches Buch. Meine klare These ist „nein“. Mir ist das auch hier wichtig, denn ich bin sicher, da kommen wieder solche Töne auf. Wann immer wir uns mit Partnern, mit denen wir in der Welt engstens kooperieren, kritisch auseinandersetzen, sind wir keine Freunde, sondern Gegner.
Es muss möglich sein gerade unter Partnern und Freunden zu sagen, was bejahe ich, und womit habe ich Probleme. Deswegen sind auch die Passagen, Sie lassen sich ja in einem weiten Bogen ein, Israel, Palästina, was hat das mit dem Nahen sprich Mittleren Osten auf sich. Was sehe ich als Iraner, als Leben dazwischen oder in verschiedenen Kulturen, Irak, Afghanistan, also es sind verschiedene Orte, in denen Sie, ich sage jetzt nicht zu Hause, aber vertraut sind und wo Sie über authentische Erfahrungen verfügen und fragen, was ist meine Sicht der Dinge, wie bestimmte Dinge sich in dieser Weise und nicht anders auch aufgetan haben? Da finden Sie übrigens in der Expertenwelt auch eine Menge Verständigung und Zustimmung. Auf diesen Punkt komme ich gleich noch mal zurück, möchte aber einen letzten ansprechen.

Wir gedenken heute nicht allein der Opfer des 11. Septembers, sondern, und das ist die andere Botschaft dieses Buches, auch der vielen, vielen Opfer, die dieser ideologisch motivierte, Allahs Wort missbrauchende Kampf Menschen gekostet hat. Wir haben uns sehr daran gewöhnt, die hohen Zahlen des Zweiten Weltkrieges zu benennen. Was an Menschenopfern in dieser Region der Welt erfolgt ist und wie viele Trauernde, Traumatisierte, Bedrängte dort sind, das hieße für mich ein neuer Zugang zur Verständigung. Vielleicht hat gerade, und so beginnt dieses Buch, aufgewühlt von dem, was am World Trade Center passiert ist, sich der Blick über die Opfer dort erweitert und ist dorthin gegangen. Wie hängt das Eine mit dem Anderen zusammen, überhaupt nicht in der Absicht, hier Ursache und Wirkung, das finde ich noch mal ganz wichtig, abzuleiten, sondern zu sagen, es gibt Korrelationen des Einen und des Anderen, und wenn das Wort ‚Genugtuung‘ fällt, sprachlich in diesem Buch, dann möchte ich hier noch mal sagen, in einem anderen Sinne, als es missverstanden werden könnte. Genugtuung über das: Ich habe es jahrelang gesagt, und niemand wollte auf mich hören. Und es ist eingetreten, wenn man dann jetzt noch mal sagt, dann passt das Wort ‚Genugtuung‘ nicht, dann führe ich weiter, aber damit ist endlich die Auseinandersetzung in Gang gekommen, und sie hat wieder das Risiko, positiver oder negativer zu verlaufen. Und es werden politische Fehler beim Namen genannt. Ich weiß nicht, warum wir die nicht benennen und eingestehen können. Es wird nicht nur einseitig geschaut auf fundamentalistische Bewegungen und ihre sehr viel frühere Vernetzung. Wir tun ja jetzt so staunend, das hängt mit unserer kulturellen Unterschätzung zusammen, wie können die denn so was bloß hingekriegt haben. Es gibt andere Autoren, auch amerikanische, worauf sich jetzt auch die Diplomaten beziehen, die nun sagen, das hat überhaupt nichts mit Armut zu tun, sondern das waren Söhne wohlhabender Eltern. Da kann ich nur sagen, Engels und Marx waren auch Söhne wohlhabender Eltern. Das greift mir nun wirklich zu kurz, sondern es geht ja darum, wie Bewegung zustande kommt.

Dazu möchte ich noch mal aufgreifen Ihre These, unsere Versäumnisse, Fehler während des Kalten Krieges. Herr Wimmer hat eben schon einen massiven angesprochen. Wen haben wir eigentlich als Partner für Demokratie und Menschenrechte. Sie schreiben es ja im mittleren Teil Ihres Buches, wie kam es denn zu einer solchen Fehleinschätzung, dass man Taliban und Al Quaida für die Unterstützer von Demokratie und Menschenrechte erklärt. Ich habe darauf, wie Sie übrigens auch nicht, keine abschließend erklärende Antwort. Es ist ein sehr kompliziertes Geflecht, manchmal ist auch der Wunsch Vater oder Mutter des Gedankens, aber Tatsache ist, dass es mehrere Faktoren sind, und dabei ist mir ganz wichtig, wenn ich von der Grundbotschaft Ihres Buches ausgehe, die Ich-Zentriertheit bestimmter Kulturen, wir haben es auch europazentrisch genannt, oder das andere ist das Angelsächsische, die Fortführung des Commonwealth mit anderen Partnern.
Diese Perspektive ist viel zu wenig in den letzten Jahrzehnten untersucht worden. Für mich gibt es noch einmal einen ganz zentralen Punkt, und ich bin heute unsicher, ob wir es schaffen werden, uns damit geistig und politisch durchzusetzen. Für Intellektuelle ist es immer wichtig, Experte zu sein als Frau, denn man genügt nicht, sondern wie bringe ich es in den politischen Prozess ein, und das ist der Punkt der Bewertung von Kulturen. Sie glauben gar nicht, wie oft ich erlebt habe in meiner vielleicht begrenzteren Erfahrung, dass sich, ich bleibe jetzt mal bei der arabischen Welt, die Herabsetzung dieser Kulturen als rückständig, unterentwickelt, da ist das Wort ‚feudal‘ fast noch progressiv. Die führt dazu, und die Ausblendung ist der andere Punkt, Exklusion, Ausgrenzung von bestimmten Personengruppen, Regionen, Völkern, Kulturen, führt zu Gegenbewegung, so wie Sie auch schreiben, nur über die Gegenbewegung, wir müssen eine eigene Kraft darstellen, war auch der Kampagnencharakter, die Vernetzung, die Verbreiterung möglich. Und es ist heute äußerst gefährlich anzunehmen, immer noch auf der Hypothese herumzureiten, da sich, ich bleibe noch mal bei den Arabern, die arabische Welt so uneinig ist, wird es nie zu einer Solidarisierung kommen. Auch da sollten wir nicht schon den Vorwisser spielen, denn es hängt sehr von der Konstellation ab, welche Interessen da eine Rolle spielen.
Und für die Zukunft unserer Entwicklung ist nicht nur entscheidend die Gleichwertigkeit von Kulturen, und dann das Sichauseinandersetzen, was sind eigentlich die Gemeinsamkeiten.

Also der Streit Verfassungsanerkennung hier bei uns, die ich für unabdingbar halte, es aber doch eine weltweite Frage, ob nicht Folter, Mord, Unfreiheit ein (...) ist für alle Menschen und dass es jenseits von Kulturen, kulturellen Unterschieden und Differenzen es so etwas wie Gemeinsamkeiten gibt. Ich bin zu wenig Experte, um diese gesamte Frage, sind es islamische Kulturen, die die Aufklärung nicht erfahren haben. Was ich heute weiß ist, es gibt sehr Aufgeklärte und es gibt Nichtaufgeklärte. Es ist vielleicht sogar mehr ein quantitatives und damit strukturelles Problem als ein qualitatives Problem. Ich persönlich, zu meinen Überzeugungen gehört, es gibt unteilbare Menschenrechte. Schwarz, weiß, ganz gleich welcher Kultur ich angehöre. Solange wir aber nach den Grundsätzen von Überordnung und Unterordnung, das sage ich auch als Frau, haben wir lange genug geschichtlich erfahren, von Hegemonie statt Partnerschaft und Gleichrangigkeit ausgehen, werden wir die Gegensätze nicht überwinden.

Ich möchte Ihnen danken, weil ich für die Art, wie Sie dieses Buch geschrieben haben, denn die Vorstellung, es war nicht nur ein befreiendes, sondern auch ein mitleidendes Schreiben, und ich wünsche mir, dass der Geist dieses Buches verstanden wird, dass die Veränderungen auf allen Teilen stattfinden, denn auch Sie glauben an die Möglichkeit, fundamentalistisches Denken und Handeln, wo immer zu überwinden, wenn sich Menschen anstrengen, und dass nicht diejenigen obsiegen, die gegenwärtig auch in Europa Konfrontation, Abgrenzung, Ausgrenzung vornehmen in den Kulturen, mir wird es täglich bewusst in der Zuwanderungsfrage.
Herzlichen Dank!
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Wer Allahs Wort missbraucht - Vortrag von Mostafa Danesch anlässlich der Buchpräsentation

Am 11. September 2002, Deutsche Parlamentarische Gesellschaft Berlin (leicht gekürzte Fassung). ...
 
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Wer Allahs Wort missbraucht - Vortrag von Mostafa Danesch anlässlich der Buchpräsentation

Wer Allahs Wort missbraucht - Vortrag von Mostafa Danesch anlässlich der Buchpräsentation Wer Allahs Wort missbraucht - Mostafa Danesch Vortrag vom 11.09.2002
Am 11. September 2002, Deutsche Parlamentarische Gesellschaft Berlin (leicht gekürzte Fassung). ...
 
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