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Wolf Haas in der Süddeutschen Zeitung |
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Für den Ingenieur im Kopf des Lesers
Vierzehn Gründe, warum man den neuen Krimi von Wolf Haas „Das ewige Leben“ lesen muss
Süddeutsche Zeitung
14. Februar 2003
Ein theoretisch wenig ausgearbeitetes, praktisch aber gut funktionierendes Kriterium, was ein Krimi ist, könnte lauten: Krimi ist immer dann, wenn es jammerschade wäre, vorneweg den Plot zu verraten. Der neue Roman des österreichischen Schriftstellers Wolf Haas ist ein Krimi. Deshalb wollen wir hier keine Inhaltsangabe (obwohl auch das sehr köstlich wäre) liefern, sondern einige technische Daten, die dem Kenner rasch vor Augen führen, warum „der neue Wolf Haas“ wieder von so ausgezeichneter Markenqualität ist.
Erstens: Serie. Auch in Haas’ sechstem Krimi spielt Simon Brenner, der Ex-Polizist, die Hauptrolle. Diesmal ist er in seine Heimatstadt Graz zurückgekehrt. Dort scheinen einige seiner früheren Freunde und Kollegen von der Polizeischule nicht sehr glücklich über seine Rückkehr zu sein.
Zweitens: Lokalkolorit. Es ist vor allem durch typisch österreichische Motive präsent, als da sind: Weltschmerz, Selbstmord, Sigmund Freud. Aber auch ganz konkret: Das Fußballstadion in Graz ist ein zentraler Schauplatz des Krimis. Es heißt Arnold-Schwarzenegger-Stadion. In echt. Brenner hat dreizehnjährig dem späteren Weltstar als damals Sechzehnjährigem eine gescheuert – was dann die Biografie Schwarzeneggers in die bekannte Richtung gebogen hat.
Drittens: Todesbewusstsein (siehe auch Lokalkolorit ). Die Ärzte sagen, ganz klar, ein Selbstmordversuch. Brenner meint, nachdem er aus seinem Koma erwacht: eine Inszenierung durch die Grazer Kripo. Wie auch immer. Brenners Psyche pendelt zwischen Lebensüberdruss, Todessehnsucht und immer wieder eruptiv aufbrechendem Vitalismus. Ein Pessimismus nicht ohne Schmelz angesichts des ewigen Lebens. Zum Glück verliebt er sich am Ende, und seine Liebe wird erwidert (Happy End).
Viertens: Vertrauen. Wer sich hinter der Stimme des Ich- Erzählers verbirgt, wird erst zum Schluss aufgelöst. Trotzdem steht der Leser, der von dieser Phantomstimme mit „du“ angesprochen wird, mit ihr von allem Anfang auf vertrautem Fuß. Schon weil diese Stimme trotz ihrer Anonymität durch ihre sehr idiosynkratische Ausdrucksweise einen hohen Grad an Individualität gewinnt und für sich einnimmt. Dazu gehören wiederkehrende Formulierungen wie „frage nicht“, „eins a“, „sprich“, „weil Motto, grob bin ich selber“ und „dings“ – der verbale Joker, der überall dort eingesetzt wird, wo die Kniffligkeit und Komplexität der Welt durch kein Duden-verbürgtes Lexem zu fassen wäre. Eine schöne Reverenz an die österreichische Tradition der Sprachkrise, sprich Chandos-dings.
Fünftens: Soziologie. Wolf Haas ist ein Empiriker der feinen, aber auch der groben Unterschiede. Beispiel: Brenner will sich bei der atemberaubend schönen Soili interessant machen und erklärt, er sei ein großer Kinogänger und „quasi mit dem Pasolini auf du und du“. Klingt erstmal kontraproduktiv. Aber – erläutert der Erzähler: „Du musst wissen, er ist irgendwann als junger Mann draufgekommen, dass bei den Frauen, also bei den damaligen Frauen muss ich sagen, ein Problemfilm eine weitaus bessere Wirkung gehabt hat als zum Beispiel ein richtiger Film. Manche waren nach einem dreistündigen Problemfilm sogar zugänglicher als nach einem dreistündigen Barbesuch, und da ist die Kinokarte ja wesentlich billiger gekommen. Einziger Nachteil, dass der Brenner oft nach einem Problemfilm selber keine rechte Lust mehr gehabt hat und noch einen doppelt so langen Barbesuch gebraucht hat, um den Problemfilm zu vergessen.“
Sechstens: Weisheit. Fast immer in der Form von Lebensweisheit. Denn Brenner ist „quasi Philosoph“.
Siebtens: Bildverarbeitung. Absolute Präzisionsarbeit – gerade im extravaganten Manierismus. Beispiel: Brenner soll (als Polizei- Spitzel) neues Mitglied der Hobbypolizisten werden – einer gleichsam Haider- inspirierten, fremdenfeindlichen Bürgerwehr. Dafür muss er mit seiner Hand auf eine Bibel schwören und seine Baseballkappe abnehmen, was dazu führt, dass Oberst Weblinger ihn wiedererkennt und ihm „mit seinem Militärmesser derart an die Bibel“ nietet, „dass dem Brenner beim Davonrennen noch ein paar Schritte lang das heilige Buch an der Hand geklebt ist wie einem vergoldeten Evangelisten.“ Noch Fragen?
Achtens: Stil. Einerseits von schwelgerischem Selbstgenuss. Andererseits auch von großer Prägnanz. Besonders bei den vielen Definitionen: „Jetzt wo fängt das Private an? Das Private kann man ganz leicht daran erkennen, dass einem meistens schlecht davon wird.“
Neuntens: Logik. Ein wichtiger Punkt für das Schreiben des Wolf Haas. Weil: Seine Logik ist immer verschoben, aber systematisch verschoben. Um das ein wenig auszuführen: Haas bildet (in fast Borges-hafter Manier) gerne Reihen, nur wechselt er dabei die Ebenen, mit dem Ergebnis von komischen Kategorienfehlern. (Man muss das nicht so nennen, man muss es auch nicht durchschauen, aber für den quasi Ingenieur im Kopf des Lesers ist es ein noch einmal gesteigerter Genuss, wenn er erkennt, wie es funktioniert.) Beispiel: „Du musst wissen, wie der Brenner jung war, hat es in den Zeitungen noch weitaus nicht so viele ekelerregende Fotos gegeben, sprich Krieg oder Unfall oder Amputation oder Manager des Jahres.“ Und weiter: „Ich sage es nur, weil es oft heißt, früher alles besser, Gras grüner, Luft reiner, Mensch ganzer.“
Zehntens: Spannung. In der Kurve darf man bei hoher Geschwindigkeit nie auf die Bremse treten, verrät der Erzähler während einer halsbrecherischen Fahrt durch einen Tunnel. Verstehst Du, Leser? Diese Tunnelfahrt ist der Plot, und Haas tritt nicht auf die Bremse.
Elftens: Lektorat. Eins a.
Zwölftens: Gesellschaftskritik. Absolut vorhanden. Wenn auch durch Bonhomie auf so leise gedämpft, dass es nie zu zeigefingerähnlichen Pegelausschlägen kommt, sondern die Gesellschaftskritik stets leise, aber um so zuverlässiger im Hintergrund mitsummt. (Siehe auch Bildverarbeitung/ Hobbypolizisten.)
Dreizehntens: Lektüre-Verhalten. Überaus geschmeidig, doch weder ölig noch von konfektionierter, widerstandsloser Glätte.
Vierzehntens: Kultstatus. Der 42-jährige ehemalige Werbetexter Wolf Haas ist in seiner österreichischen Heimat ein Kultautor. In Deutschland hingegen ein Geheimtipp – einer aber, den die Spatzen von den Dächern pfeifen. Seine Bücher haben sich bisher 600000 mal verkauft.
IJOMA MANGOLD
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BÜCHER |
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Das ewige Leben
Wolf Haas
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Große Aufregung in der Sigmund-Freud-Nervenklinik in Graz: Einer der Hoffnungslosen, ein ... |
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PERSON |
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Wolf Haas
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Wolf Haas wurde 1960 in Maria Alm am Steinernen Meer geboren. ... |
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