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Laudatio auf Heinrich Detering von Rainer Moritz |
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Wer, meine sehr verehrten Damen und Herren, darf sich als Literaturvermittler bezeichnen? Verdienen allein fest angestellte Feuilletonredakteure diesen Ehrennamen, weil sie nach tapferer Lesearbeit die Ernte der Saison würdigen und auf Neuerscheinungen neugierig machen wollen? Oder zählen auch nicht minder tapfere Oberstudienräte zu den besonders einflussreichen Literaturvermittlern, die mit ihrer hoffentlich vorhandenen Leidenschaft leseunwilligen Schülern Appetit auf „Emilia Galotti“ oder zumindest Benjamin Lebert machen? Vielleicht sind es ja manchmal auch Verleger und Lektoren, die verzweifelt darauf beharren, neben dem selbstverständlich akzeptierten Mainstream auch Bücher zu propagieren, sie zu vermitteln suchen, die ohne diese Fürsprache und ohne dieses ökonomische Risiko nicht gehört würden? Ja, wenn man es recht besieht, sind die Möglichkeiten, sich als Literaturvermittler hervorzutun, letztlich unbegrenzt, und womöglich tragen auch neuzeitliche Dilettanten der Introspektion wie Daniel Küblböck oder Dieter Bohlen dazu bei, eine Brücke zur Literatur zu schlagen – weil sie die Sehnsucht wecken, endlich wieder einmal Lebenszeugnisse zu lesen, in denen sich Substanzielles findet.
Im vergangenen Jahr, als der Hoffmann und Campe Verlag erstmals seinen „Preis der Kritik“ verlieh, zeichneten wir den Schriftsteller und Essayisten Martin Walser aus, der sich über Jahrzehnte hinweg mit den Werken von Kollegen auseinander setzte, mit Robert Walser, Marcel Proust, Franz Kafka oder Friedrich Schiller. Diese Ehrung zeigte in gewisser Weise an, dass Schreiben und Lesen keine getrennten Schauplätze darstellen, sondern zusammengehören. Viele Schriftsteller gewinnen dadurch Einsicht in ihre literarischen Positionen und in ihre Stoffe, dass sie andere Schriftsteller lesen und sich genötigt sehen, das Faszinosum der Kollegenbücher aufzuspüren.
In diesem Jahr wollen wir – so scheint es – einen ganz anderen Typus des Literaturvermittlers auszeichnen. Heinrich Detering ist Hochschullehrer, ordentlicher Germanist, wie man so schön sagt ... wobei sich die Frage aufdrängt, was man unter einem „unordentlichen“ Germanisten zu verstehen habe ... und er ist seit 1995 C4-Professor für Neuere Deutsche Literatur und Neuere Nordische Literaturen an der Universität Kiel. Darüber hinaus nahm Heinrich Detering Gastprofessuren wahr, ging als Fellow zum Wissenschaftskolleg in Berlin, ist ein gefragter Podiumsgast und steht seit kurzem der mitgliederstarken Theodor-Storm-Gesellschaft als Präsident vor. Das Thema seiner 1990 erschienenen Dissertation heißt "Theodizee und Erzählverfahren. Narrative Experimente mit religiösen Modellen im Werk Wilhelm Raabes" – ein Titel, der Nicht-Germanisten sofort nachhaltigen Respekt einflößt.
Kurzum, Heinrich Detering ist ein hoch angesehener Wissenschaftler, dessen Arbeiten Aufsehen erregen und der Semester für Semester alles daran setzt, Studierenden den Reiz der Literatur nahe zu bringen. Das alles wäre schon Grund genug, Heinrich Detering mit einem „Preis der Kritik“ auszuzeichnen – indes, seine Leistung als Literaturvermittler erschöpft sich nicht in der Summe seiner akademischen Aufgaben und Schriften. Was also hat Heinrich Detering, was andere nicht haben?
Zuerst: Er kann schreiben – eine Eigenschaft, die man in diesem Metier für eine Selbstverständlichkeit halten könnte, jedoch nicht sollte. Natürlich sind die dürren Zeiten längst vorbei, da sich germanistische Prosa als unzugängliche Wüstenlandschaft präsentierte, die sorgsam darauf bedacht war, normalsterblichen Lesern den Zutritt durch holperige Satzgefüge oder in sich selbst kreisendes Fachchinesisch zu erschweren. Die Germanistik hierzulande hat in den letzten beiden Jahrzehnten etliche Vertreter hervorgebracht, die sich nicht damit begnügen, im eigenen Saft des Oberseminars zu schmoren und nur für eine Klientel zu schreiben, die man mit Handschlag begrüßen könnte.
Heinrich Detering gehört zur Spezies von Wissenschaftlern die Leserinnen und Leser erreichen wollen, die Öffentlichkeit suchen und auch in ihren Fachpublikationen danach trachten, komplexe Zusammenhänge nachvollziehbar darzustellen. Das mag damit zu tun haben, dass zu Deterings Lehrern der Göttinger Literaturwissenschaftler Albrecht Schöne zählte – einer, der es verstand über ein Thema wie "Zum Gebrauch des Konjunktivs bei Robert Musil" so zu schreiben, dass man nach der Lektüre sofort bereit war, endlich die Fragmente vom "Mann ohne Eigenschaften" zu lesen, und sich schwor, nie mehr einen falschen Konjunktiv zu verwenden.
Akademische Lehrer bewirken einiges, doch bei Heinrich Detering will ich vermuten, dass ihm die Lust zu schreiben schon vor seinem ersten Göttinger Semester im Blut saß. Das Schreiben von Literatur und das Schreiben über Literatur bilden für ihn keinen Gegensatz, und so verwundert es nicht, dass am Anfang seiner langen Publikationsliste keine Interpretation und kein Dichterporträt steht, sondern ein schmaler Band mit 22 Gedichten.
Nach aufwändigen Recherchen ist es dem Verlag gelungen, per Fernleihe aus der Universität Münster ein Exemplar dieses vermutlich in überschaubarer Auflage erschienenen und "Zeichensprache" betitelten Buches zu ergattern. Herausgekommen ist es 1978 in Detmold, der Stadt Christian Dietrich Grabbes, und es zeigt einen jungen Autor, der auf den Spuren von Günter Eich oder Johannes Bobrowski vor allem Naturgedichte schrieb, die – wie es heißt – die „sprache der dinge“ erfassen wollten.
Ich weiß nicht, ob der Lyriker und Novellist Heinrich Detering heute noch Zeit und Lust findet, sich belletristisch zu betätigen. Seinen kritischen und wissenschaftlichen Arbeiten ist es auf jeden Fall gut bekommen, auch auf der vermeintlich anderen Seite des literarischen Geschäfts gestanden zu haben. Seine Texte zeigen ein genaues Gespür dafür, aus welchen unterschiedlichen Quellen sich Literatur zu speisen vermag, welche Blockaden den Autor behindern und welche verdeckten Schreibmotivationen einem Werk zugrunde liegen können. Deterings im Wallstein Verlag erschienene und mittlerweile sogar als Studienausgabe erhältliche Habilitationsschrift "Das offene Geheimnis. Zur literarischen Produktivität eines Tabus von Winckelmann bis zu Thomas Mann" handelt – wie es im ersten Satz lapidar heißt – „von der literarischen Produktivität des Verbotenen“. Konkreter: Es geht darum, wie Schriftsteller – August von Platen, Heinrich von Kleist, Herman Bang und Thomas Mann zum Beispiel – das Tabuthema der Männerliebe in ihre Arbeiten einfließen ließen und es zu einem verborgenen Produktionsantrieb machten, den erst die philologisch aufmerksame Analyse freilegt.
Deterings Deutungen sind frei von wissenschaftlich verbrämtem Voyeurismus. Ihre Stärke entfalten sie auch, weil der Interpret zwischen den Zeilen zu lesen versteht und weil ihm die scheinbar unerheblichen Lebensumstände der Autoren nicht gleichgültig sind. Das ist oder besser: das war keine Selbstverständlichkeit. Wer in den achtziger und neunziger Jahren Literaturwissenschaft studierte, hatte sich zu genieren, vom realen Autor und von zu realen Entstehungsbedingungen eines Romans oder eines Theaterstücks zu sprechen. Die postmoderne Rede vom „Tod des Autors“ ließ Texte im nebulösen Irgend- oder Nirgendwo entstehen und hatte für die konkreten, nur biographisch zu fassenden Antriebe und Hintergründe des Schreibens kein Gehör.
Heinrich Detering hat diese sich bis zur Attitüde ausweitenden Schriften seiner Kollegen nicht ignoriert. Sie waren ihm freilich nie Heiligtümer, da seine Beschäftigung mit Literatur ohne den realen Autor nie auskam, auskommen wollte. Bereits als Student legte er die kleine Schrift „In magischen Kreisen. Goethe und Lippe" vor, die danach fragte, was das lippische Land, wo Detering aufwuchs, dem emsigen Reisenden Johann Wolfgang von Goethe verdanke. Studien dieser Art sind oft von lokalpatriotischem Übereifer geprägt. Heinrich Detering ließ sich davon schon in jungen Jahren nicht beeindrucken und referierte beispielsweise die von Heimatforschern vorgetragene These, das Urbild zu Goethes Mignon-Figur aus "Wilhelm Meisters Lehrjahren" sei eine Lemgoerin, mit der gebotenen Distanz. Regionalen Überschwang dieser Art gibt es allenthalben. Ich erinnere mich, dass auch Patrioten meiner Heimstadt, der „Käthchenmetropole“ Heilbronn, versuchten, sich mit Goethe zu schmücken, und den Osterspaziergang im "Faust" eindeutig lokalisierten: nach Heilbronn und an den Neckar natürlich.
Heinrich Deterings regional grundierte Interpretationen haben damit, wie gesagt, nichts zu tun. Der 2001 erschienene Band "Herkunftsorte", der – so der Untertitel – nach den „literarischen Verwandlungen im Werk Storms, Hebbels, Groths, Thomas und Heinrich Manns“ fragt, zeugt von einem erst einmal ganz einfachen Interesse an den geographisch zu fixierenden Quellen großer realistischer Romane und Erzählungen. Detering beschreibt diese Ausgangslage, und er beschreibt vor allem, wie sich reale Dinge verändern, wenn sie fiktionale Gestalt annehmen, wenn sich die „Verwandlung der Welt in Sprache“ vollzieht. Und bei aller philologischen Akribie, die auch spekulativen Fragen wie Kafkas Storm-Lektüre nachgeht, scheut sich Detering nicht, von den „Wundern“ zu sprechen, „in denen sich die Literatur als Zauber zeigt“. Diese seien von keiner noch so aufgeklärten Wissenschaft aufzulösen – eine These, die etliche seiner Kollegen insgeheim sicher nicht teilen.
Seit 1990 zählt Heinrich Detering zum festen Mitarbeiterstab der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Dass sich die universitäre Germanistik nicht für Gegenwartsliteratur interessiere oder gar zu interessieren habe, ist Schnee von gestern, zum Glück. Detering gehört zur nachgewachsenen Generation derer, die sich nicht um so glücklicher fühlen, je älter ihre Untersuchungsgegenstände und je toter deren Autoren sind. Das Spektrum seiner Rezensionen und Essays ist immens; es reicht von Sarah Kirsch, Ernst Jünger, Günter Grass über Brigitte Kronauer, Erich Kästner, Philip Roth und Peter Handke bis hin zu Henning Mankell, Allen Ginsberg oder Max Goldt. Und – das erleichtert mich als Vertreter des Hoffmann und Campe Verlages – natürlich hat sich Detering auch um Heinrich Heine gekümmert, genauer: um dessen Beziehung zum dänischen Dichter Emil Aarestrup.
Der Kritiker Detering ist kein Haudrauf, der Genuss und Erleichterung darin findet, unbedarften Autoren die Leviten zu lesen. Seine Besprechungen leuchten die Hintergründe eines Textes aus und bemühen sich, Stil- und Stoffvarianten zu erklären, ehe sie werten. Und dennoch ist Detering keiner jener sanftmütigen Germanisten, die nach der Maxime „Alles verstehen heißt alles verzeihen“ literarhistorische Pirouetten drehen und darüber vergessen, dass Literaturkritik klare Urteile braucht. Heinrich Detering verdanken wir so eine scharfe, brillant argumentierende Rezension von Peter Handkes sehr langem Roman "Der Bildverlust". Und wenn er in Sigrid Löfflers Zeitschrift „Literaturen“ nicht müde wurde, Thomas Hettches ungewöhnlichen Kriminalroman "Der Fall Arbogast" zu loben, klammert seine Sympathie nicht jeden Tadel aus und der visierte Autor Hettche muss sich beispielsweise seine „Vorliebe für das blöde (Wort) ‚zögerlich’“ vorhalten lassen.
Nun, meine Damen und Herren, ist im gebotenen Zeitrahmen fast alles zu Heinrich Deterings Lob gesagt ... gäbe es da nicht ein weiteres Indiz für seine spannend zu beobachtende Philologenneugier. Im Frühjahr dieses Jahres erschien im Reclam Verlag die dreibändige Sammlung "Rock-Klassiker", die den älter gewordenen Anhängern von Jethro Tull, Jimi Hendrix oder Neil Young Motive bereitstellt, sich ohne intellektuelle Scham zu ihren Idolen zu bekennen. Zu diesen zählt selbstverständlich auch Bob Dylan, und es ist Heinrich Detering, der auf rund 35 Seiten Dylans Werk und dessen Genese nuanciert beschreibt. „Unprätentiös“, „artistisch“, „konzentriert“, „geschmeidig“, „raffiniert“ – so lauten nur einige der Vokabeln, mit denen Detering Dylans Platten rühmt, Vokabeln, die manchen seiner Kritiker- und Germanistenkollegen nur bei Botho Strauß oder John M. Coetzee in den Sinn und in den PC kämen.
Heinrich Deterings Bob-Dylan-Würdigung endet mit der bibliographischen Angabe zu Dylans literarischen Veröffentlichungen, darunter, versehen mit der Jahreszahl 2002, Dylans Autobiographie "Chronicles". Es ist tröstlich zu sehen, dass der Reclam Verlag und sein Autor Detering dabei vom gleichen Optimismus wie der Hoffmann und Campe Verlag getragen wurden. Denn auf die Manuskriptabgabe der "Chronicles" warten wir händeringend bis heute. Der Meister lässt sich auch von seinem amerikanischen Verlag nicht bitten, und vielleicht werde ich meine nächste Erkundigung nach den Schreibfortschritten Dylans mit einem Hinweis auf Heinrich Deterings Essay garnieren.
Die Zwischenzeit – sagen wir bis zur nächsten Buchmesse – möge Heinrich Detering mit anderer Lektüre überbrücken, mit der Heinrich-Heine-Ausgabe zum Beispiel, die wir ihm heute überreichen, oder mit Rotweinkonsum, wenn im Hintergrund Dylans Album "Blood on the Tracks" läuft. 99 Flaschen reichen hoffentlich bis zum Erscheinen der Dylan’schen Autobiographie. Die gewichtige Schwere, die der Bordeaux Côtes de Castillon aus dem Besitz des württembergischen Grafen Neipperg aufweist, mögen das Ihre dazu beitragen – und die „fruchtbetonte Nase“, die dem Wein attestiert wird, hoffentlich auch.
Rainer Moritz
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Preis der Kritik 2003
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Der Hoffmann und Campe Verlag wird im Jahr 2003 zum zweiten Mal seinen „Preis der Kritik“ vergeben ... |
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