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Radio-Bremen-Krimi-Preis 2002 an Frances Fyfield. Laudatio von Friedrich Ani


"Menschen, die vollkommen böse sind", sagt Frances Fyfield, "gibt es nicht."
Und vollkommen gute? Liest man die Bücher der Preisträgerin, lernt man schnell: Vollkommen gute Menschen gibt es auch nicht.
Obwohl einige ihrer Protagonisten versuchen gut zu sein, sie versuchen es sogar inbrünstig. Sie scheitern alle. Gut so.

Frances Fyfield, die auf dem Land in Derbyshire aufwuchs, durfte als Kind ihrem Vater dabei zusehen, wie dieser kleine Kätzchen mit Chloroform killte. Ein sanfter Tod, keine Frage, die Katzen waren eine Plage und der gelernte Anästhesist verstand sein Handwerk.
Tiny Frances - Preis der Neugier! - brauchte jedesmal Tage, bis sie sich von dem Anblick erholt hatte und den Geruch aus der Nase brachte.
Natürlich schrieb sie später einen Roman über diese Tötungsmethode - denn von toten Kätzchen zu toten Menschen ist es nur ein Katzensprung.

Zumindest bei Frances Fyfield, die Jura studierte und dann für die Strafverfolgungsbehörde der Krone arbeitete, wo sie als Staatsanwältin Einblick in die dunkelsten Keller der menschlichen Existenz erhielt. Ideale Voraussetzungen für eine Schriftstellerin.
Sie erfand zwei Anwältinnen, von denen weder die eine - Helen West - noch die andere - Sarah Fortune - ein Alter Ego der Autorin darstellt. So etwas behaupten Autoren immer, wenn sie eine Serienfigur erfinden, und es ist jedesmal eine blanke Lüge und trotzdem ganz egal.

Helen West, die u.a. in dem Roman "Tiefer Schlaf" die Sache mit dem chloroformistischen Apotheker aufklärt, wie auch Sarah Fortune, deren Begegnung mit einem psychopathischen Zwilling ihr fast das Leben kostet (in dem Roman "Bruderkuss"), sind ungewöhnliche Persönlichkeiten, die die Biografie ihrer Erfinderin nicht nötig haben, um wahrhaftig zu sein.

"Die besten Romane", sagt Frances Fyfield, "handeln von Beziehungen." Der Furor zwischen Menschen, die Fähigkeiten, die sie entwickeln, einander zu quälen und sich gegenseitig psychisch und mental auszunutzen, bilden das Fundament ihrer eigenen Romane, in immer neuen unheimlichen Varianten. Niemand kann Beklemmung so perfekt beschreiben wie Frances Fyfield, kaum ein Kriminalschriftsteller folgt der Aufforderung Simenons so strikt, ja gnadenlos wie sie: "Verstehen und nicht verurteilen." Im jüngsten, auf Deutsch erschienenen Roman "Dunkle Strömung" tötet eine Mutter ihr behindertes Kind, bekennt sich schuldig und geht ins Gefängnis. Nein, diese Zusammenfassung der Geschichte ist falsch. Aber ich werde Ihnen hier nicht die richtige liefern, denn Sie müssen dieses unerhörte Buch lesen, von der ersten bis zur letzten Zeile. Befragt nach der Wirklichkeit, ob sie also nachvollziehen könne, wenn eine Mutter ihr behindertes und noch dazu hässliches Kind tötet, erwiderte Frances Fyfield: "I found it forgivable, it's not to be condemned."

Verstehen und nicht verurteilen.

Dabei sind viele ihrer Helden überhaupt nicht fähig das zu begreifen, was ihnen widerfährt. "Und er wollte mit einer solchen Verzweiflung oder Versuchung auf keinen Fall Bekanntschaft machen", heißt es in "Dunkle Strömung" über Henry Evans, den Protagonisten, der aus Amerika in eine kleine englische Küstenstadt kam, um ein Tourist zu sein. Doch was er erlebte, sprengte sein Vorstellungsvermögen, und sein unbewusster Wunsch, eine alte Liebe wiederzutreffen und vielleicht aufzufrischen schlägt um in Besessenheit, die Wahrheit herausfinden zu müssen. Seine alte Liebe nämlich, eine Frau namens Francesca Chisholm, büßt seit einem Jahr eine Haftstrafe wegen Mordes an ihrem fünfjährigen Sohn ab, der an cerebralen Bewegungsstörungen litt. Ein schwer behindertes Kind, das alle Aufmerksamkeit auf sich und von seiner gesunden Schwester abzog. Henry Evans kann nicht glauben, dass Francesca, seine Francesca, mit der er vor zwanzig Jahren durch Indien reiste und eine innige Beziehung hatte und deren Wesen, wie er besonders vor sich selbst geradezu mantra-artig wiederholt, ihm doch vertraut ist - dass ausgerechnet sie eine brutale Kindsmörderin sein soll. Tiefer und tiefer versucht er in die allgegenwärtige Vergangenheit zu tauchen wie in ein schwarzes Meer voller Strömungen und Strudel. Und er verliert sein Leben dabei, zumindest das, was er bisher geführt hat. Am Ende, nachdem er kurz davor war abzureisen und in seine alte Welt, nach Amerika, zurückzukehren, läuft er den Weg noch einmal zurück - und wird erlöst von seinem Schmerz, der in ihm wucherte, seit er diese Stadt am rauen Meer betreten hatte.

Frances Fyfield ist ihren Figuren immer hautnah und somit auch wir, die Leser. Je unvoreingenommener wir den Personen begegnen, desto leichter gelingt es uns, ihre Motive, ihre Not, ihre Verlorenheit zu verstehen. Die schriftstellerische Technik von Misses Fyfield ist grandios: Ihre Sätze kommen leicht und schnörkellos daher, man neigt schnell dazu, sich heimelig einzurichten in dieser Prosa und begreift erst, wenn es kein Entrinnen mehr gibt, mit welcher Raffinesse uns die Autorin in das Geflecht ihres Personals verwickelt hat. Frances Fyfield ist eine unbestechliche Menschenforscherin, der das romantische Begehren eines desorientierten Mannes so wenig fremd ist wie die bösartige Gier einer gequälten Frau und die polare Kälte im Herzen eines Mörders. Wenn sie von Verbrechen schreibt, dann nicht um der Sensation der Tat Willen oder um der Galerie der Krimi-Fieslinge einen weiteren abgedrehten Unhold hinzuzufügen - wenn Frances Fyfield von Verbrechen schreibt, dann um uns vertraut zu machen mit den Abgründen in uns selbst. Ihre Geschichten werfen ein Licht auf die Gegenden, die wir am liebsten meiden, wohlwissend dass sie zeitlebens da sind, und dieses Licht erleichtert uns ein wenig, weist uns vielleicht sogar den Weg am Schlimmsten vorbei.

Friedrich Ani, 24. September 2002


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Ein böser Verdacht

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Frances Fyfield
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Frances Fyfield
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Frances Fyfield erhält Krimipreis

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