In Ihrem neuen Roman „Der Rote Wolf“ arbeitet der Ehemann der Protagonistin Annika Bengtzon in einer Kommission, die sich mit der Frage beschäftigt, welchen Bedrohungen Politiker in der Öffentlichkeit ausgesetzt sind. Angesichts des Attentats auf die schwedische Außenministerin Anna Lindh ist dieses Thema sehr aktuell. Ihr Roman erschien vor dem Anschlag - haben Sie prophetische Fähigkeiten?
Liza Marklund: Ich wünschte, ich hätte sie nicht, und das Attentat wäre nicht geschehen. Eigentlich habe ich aber über die Kommission geschrieben, weil es sie wirklich gibt ...
... aber warum kümmert man sich dann in Schweden trotzdem so wenig um den Schutz der Politiker? Anna Lindh war wenige Tage vor der politisch sehr brisanten Volksabstimmung über den Euro ohne Leibwächter unterwegs, als sie niedergestochen wurde.
Liza Marklund: Der Schutz von Anna Lindh scheiterte damals an der schlechten Beurteilung durch die Sicherheitspolizei Säpo. Die Säpo sagte, es bestünde keine besondere „Bedrohungslage“ für die Außenministerin. Dabei ist die Gewalt gegenüber Politikern ein wachsendes Problem in Schweden. Ich habe in meinem Buch Zahlen genannt, und diese stimmen tatsächlich mit denen in der Realität überein: Nach einer Untersuchung aus dem Jahre 2001 sind 17 Prozent der führenden Kommunalpolitiker in Schweden schon einmal bedroht worden --– 15 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen. Politiker, die sich mit sozialen Theman beschäftigen, sind besonders häufig bedroht worden. Ich denke, das ist eine Gefahr für die Demokratie.
In „Der Rote Wolf“ geht es vor allem um Terrorismus - auch dieser ist eine Gefahr für die Demokratie. Hat Sie der 11. September 2001 inspiriert, den Roman zu schreiben?
Liza Marklund: Nein, die Idee zu diesem Roman entstand schon 1996. Damals habe ich zehn Seiten über den Inhalt zusammengeschrieben.
Warum?
Liza Marklund: Die Machtstrukturen interessieren mich, der Machtmissbrauch. Menschen, die Terroristen werden, fühlen sich sehr machtlos, sie haben keinen Staat, mit dem sie etwas bewirken können. Aber sie wollen Macht haben, um jeden Preis. Manche haben als Idealisten angefangen, manche nicht. Und dann werden sie rücksichtslos.
Sie beschreiben den Anschlag auf das Flugzeug F21 - gab es den in Schweden wirklich?
Liza Marklund: (lacht) Nein, der ist erfunden. Aber das, was Sie fragen, haben mich sehr viele Leute gefragt.
In dem Roman „Der Rote Wolf“ muss sich die Journalistin Annika Bengtzon gegen ihren Chefredakteur durchsetzen, um allgemeine Hintergründe zum Thema Terrorimus recherchieren zu dürfen. Glauben Sie, dass die Forschung zum Thema Terrorismus in der jüngeren Vergangenheit vernachlässigt wurde?
Liza Marklund: Ja, es ist von den Politikern und den Medien unterschätzt worden. In dem Roman glaubt man Annika nicht, man denkt, sie sei verrückt oder traumatisiert, weil sie früher (in „Olympisches Feuer“) einmal als Geisel gehalten worden ist. Sie ist ja tatsächlich ein bisschen verrückt und sehr auf dieses Thema fixiert. Aber trotzdem hat sie Recht.
Kriminalromane, besonders wenn sie aus Skandinavien kommen, nehmen häufig aktuelle politische Entwicklungen auf. Warum eignet sich dieses Genre so gut dafür?
Liza Marklund: Weil alle Mörder Produkt der Gesellschaft sind, in der sie leben. Kein Mensch wird als Mörder geboren. Manche werden Mörder wegen der sozialen und familiären Verhältnise, unter denen sie aufwachsen, und manche wegen der politischen Bedingungen.
Annika Bengtzon muss im „Der Rote Wolf“ an zwei Fronten kämpfen. Einmal gegen ihren Chefredakteur, der ihr nicht mehr loyal zur Seite steht, dann gegen ihren Ehemann Thomas, der ihr großes berufliches Engagement kritisiert. Liegt die Gleichberechtigung auch in Schweden noch in weiter Ferne?
Liza Marklund: Ja, absolut. Die UN hat zwar festgestellt, dass Schweden in Sachen Gleichberechtigung am weitesten entwickelt ist, aber es gibt noch viel zu tun. Ein Freund von mir hat Ende der neunziger Jahre eine 5000 Seiten lange Forschungsarbeit zur Gleichberechtigung vorgelegt - und gezeigt, dass vieles im Argen liegt. Man belügt die jungen Frauen in Schweden, wenn man sagt: Ihr seid gleich. Auch hier dominieren die Männer in ihren unsichtbaren Machstrukturen. Männer fördern Männer im Berufsleben, und Frauen bekommen für die gleiche Arbeit weniger Geld, nämlich nur achtzig Prozent von dem, was Männer erhalten.
Was kann man dagegen tun?
Liza Marklund: Als erstes sollten wir schnellstens damit aufhören, den jungen Frauen zu sagen, dass alle gleich sind.
Wollen Sie mit ihren Büchern die Welt verändern?
Liza Marklund: Ich werde mit meinen Büchern die Welt verändern. Jeder kann die Welt verändern, auch der Mörder von Anna Lindh hat die Welt verändert. Anna Lindh wäre vermutlich die nächste Regierungschefin Schwedens geworden.
Die Erfinder der Schweden-Krimis, Maj Sjöwall und Per Wahlöö, waren Kommunisten. Sie wollten eine andere Gesellschaft. Wie ist es bei Ihnen?
Liza Marklund: Ich bin für unser System, ich mag den Kapitalismus. Man braucht die Anriebskraft der Einzelnen. Ich will den Kapitalismus in einer Demokratie, die jegliche sexuellen, rassischen und religiösen Unterschiede akzeptiert.
Wie nahe kommt Schweden diesem Ideal?
Liza Marklund: Schweden hat eine gute Gesellschaft, aber sie ist nicht perfekt. Es gibt Probleme, doch Schweden ist ein gutes Land, es gibt Demokratie und Offenheit. Um auf Sjöwall und Wahlöö zurückzukommen: Die einzige Revolution, die wir in Schweden brauchen, ist die, dass Frauen und Männer noch gleicher behandelt werden.
Wie in vielen ihrer Romane geht es auch in „Der Rote Wolf“ um Machtmissbrauch. Aber es sind nicht nur die Terroristen gemeint. Selbst die Protagonistin Annika mit ihrem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn ist nicht frei davon. Sie nutzt ihre Position bei der Zeitung, um eine Intrige gegen eine persönliche Rivalin zu lancieren. Ist niemand gefeit vor Machtmissbrauch?
Liza Marklund: Kaum jemand, auch Annika ist kein Engel. Ich will zeigen, dass jemand dazu in der Lage ist, wenn er nur ausreichend unter Druck gerät. Annika kann ja alles verlieren: Mann, Familie, Job. In dieser Situation ist auch sie zu Machtmissbrauch fähig.
Interview: Gerhard Fischer, Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Nordeuropa