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| © Christa Maria Oswald |
Für seinen bei HOFFMANN UND CAMPE erschienenen Debütroman „Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe” erhält der Autor Max Scharnigg den mit 15.000 Euro dotierten „Mara-Cassens-Preis für den ersten Roman” des Literaturhauses Hamburg. Der nach seiner Stifterin benannte Preis wird seit 1970 vergeben. Seit der Anhebung des Preisgeldes um 5.000 Euro in diesem Jahr ist der Mara-Cassens-Preis der bundesweit höchstdotierte Literaturpreis für ein deutschsprachiges Romandebüt. Er ist außerdem der einzige Literaturpreis, der von einer Leserjury vergeben wird. Die Hamburger Stifterin Mara Cassens möchte mit ihrem Preis Autoren und Autorinnen ermöglichen, „sich für eine gewisse Zeit ganz dem Schreiben zu widmen”. Die Preisträger der letzten Jahre waren Lukas Bärfuss (2008), Roman Graf (2009) und Sabrina Janesch (2010).
Die Jury besteht aus 15 Mitgliedern des Literaturhaus Hamburg e.V., die nicht im Literaturbetrieb beschäftigt sind, sondern sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich als engagierte Leser den eingereichten Debüts widmen. In diesem Jahr las die Jury unter dem Vorsitz des Berliner Schriftstellers Joachim Helfer 20.760 Romanseiten, da sich 55 Verlage mit 76 Debüts an der Ausschreibung beteiligten. Die Jury bewertete viele Romane als herausragend und literarisch geglückt, darunter vor allem Eugen Ruges „In Zeiten abnehmenden Lichts“, Astrid Rosenfelds „Adams Erbe“ sowie Maja Haderlaps „Engel des Vergessens“.
Wegen seiner außergewöhnlichen Erzählkraft, seiner Lust am Fabulieren jenseits des literarischen Mainstreams und seiner einzigartigen Hand für das Magische fiel die Wahl der Jury schließlich auf den Roman mit dem berückenden Titel „Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe“ von Max Scharnigg.
In diesem bezwingend magischen Text erzählt der Autor Scharnigg vom jungen Nikol Nanz, einem
zeitgenössischen Mann ohne Eigenschaften, der mir nichts, dir nichts aus seinem belanglosen Journalistenleben mit depressiver Freundin aussteigt. Als er eines Abends nach Hause kommt, findet er neben dem Türvorleger ein Paar blassgrüne Herrenschuhe vor, die definitiv nicht die seinen sind, und meint, hinter der Milchglasscheibe die Stimmen der angeblich bettlägerigen M. und eines Fremden zu hören. Nikol Nanz zögert keine Sekunde: Flugs bezieht er ein Kabuff unter der Treppe, verschanzt sich hinter Kinderwagen, Papierkörben und ist fürderhin nicht mehr da. Doch der, der nicht gesehen wird, sieht alles: Obdachlose, die das Haus tagsüber bevölkern, Hunde, die vorbeischnuppern. Frei von allen körperlichen Bedürfnissen findet er unter der Treppe die ersehnte Ruhe und beginnt, an seinem Artikel über die Besteigung der Eiger-Nordwand im Jahre 1938 zu schreiben – im Kopf freilich. Dann trifft er im Hause einen Bruder im Geiste: Schmuskatz ist Mitte 80, ein ehemaliger Gletscherfotograf, der seine Bibliothek nach Zueignungen sortiert, mit einem ausgestopften Reiher parliert und sich ausschließlich von Paprikahendln ernährt, als Hommage an eine einst angebetete Dame. Ausgestattet mit üppiger Bergausrüstung machen sich die beiden Sonderlinge auf, die Eiger-Nordwand samt des zweiten Stockes ihres Altbaus zu erobern.
Die Jury begründete ihre Entscheidung so: „In seinem schmalen, kunstvoll gebauten Roman eröffnet Max Scharnigg ganze Welten. Mit absurder Fabulierlust und einem fein gestimmten Sinn für das Hintergründige, Märchenhafte erzählt er in feinster Prosa von der Verunsicherung der modernen Existenz, vom Sich-Entziehen, von jungen und alten Sonderlingen, die auf wenig betretenen Pfaden nicht nur die Eiger-Nordwand und den zweiten Stock eines Mietshauses bezwingen, sondern schließlich den Gipfel der Erzählkunst erklimmen. In der Mühsal der Bergbesteigung ist auf originelle Weise die Mühsal des literarischen Schreibprozesses mitgedacht.“
Der Autor und Journalist Max Scharnigg, 1980 geboren, ist Redaktionsmitglied von jetzt.de, dem Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung, und schreibt u.a. für Cosmopolitan und das SZ-Magazin. Seine „Hauptsatz”-Kolumne, die in der Süddeutschen Zeitung erscheint, liegt unter dem Titel „Das habe ich jetzt akustisch nicht verstanden” in Buchform vor. Für „Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe” erhielt er das Literaturstipendium der Landeshauptstadt München und war für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert. Max Scharnigg lebt in München.
Die feierliche Preisverleihung findet am 5. Januar 2012 um 19.30 Uhr im Literaturhaus Hamburg statt. Der Preisträger, die Stifterin, die Hamburger Kultursenatorin sowie der Juryvorsitzende sind anwesend. Die Laudatio hält der Literaturkritiker Hubert Winkels.